ZEIT ONLINE: Frau Skudelny, die vergangenen zwei Wahlkämpfe hat die FDP mit jungen Frauen an der Spitze bestritten. Wie wollen Sie in Baden-Württemberg den Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke promoten, 53 Jahre alt und eher von der zünftigen Sorte?

Judith Skudelny: Wie er eben ist, modern und weltoffen. Ob der Spitzenkandidat ein Mann oder eine Frau ist, macht doch keinen Unterschied. Wir werden auf die Versäumnisse der grün-roten Landesregierung verweisen und Wahlkampf mit Bildung, Bildung, Bildung machen. Außerdem mit  Wirtschafts- und Strukturpolitik, die zu kurz gekommen sind.

 ZEIT ONLINE: Ist das die inhaltliche Erneuerung der FDP?

Skudelny: Wir müssen uns nicht inhaltlich erneuern. Wir müssen uns nur klarer positionieren, weniger besserwisserisch, mehr weltoffen. Deswegen der Fokus auf Bildung.

ZEIT ONLINE: Sie waren eine der wenigen jungen Frauen der FDP in der letzten Bundestagsfraktion. Nach 2013 hatten Sie erst mal keine Lust mehr auf aktive Politik. Im Bundestag könne man binnen kurzer Zeit fett und zum Alkoholiker werden, sagten sie damals.

Skudelny: Ich habe gefremdelt mit dem Leben dort. Wir wünschen uns ja immer Politiker mit Bodenhaftung. Aber die kann in Berlin schnell verloren gehen. Der Bundestag ist ein eigener Orbit. Wenn man keine Lust auf den Kontakt mit normalen Menschen hat, bleibt man einfach in dem Umkreis. Man ist immer "Frau Abgeordnete", die Mitarbeiter sind nett, auch weil ihr Gehalt davon abhängt. Das Essen in der Parlamentarischen Gesellschaft, dem Restaurant im Bundestag, ist hochwertig und subventioniert. Man hat einen Fahrer und kann sich abends auf mehreren Empfängen mit Sekt und Häppchen vollstopfen. Das hat mit dem echten Leben nichts zu tun. Ich hatte den Vorteil, dass ich einen anderen Einstieg hatte: Meine Tochter war damals erst drei Monate alt, gleich beim ersten Empfang hat sie mir aufs Hemd gespuckt. Danach bin ich daheim geblieben und habe mir meine externe Sicht bewahrt. Übrigens: Ausgestiegen aus der aktiven Politik bin ich nie. Ich bin seit zehn Jahren Stadträtin in meiner Heimatstadt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie als junge Mutter im Männerverein FDP jemals dumme Kommentare gehört?

Skudelny: Ich sage Ihnen was: Die kamen aus einer anderen Partei. Ich sage aber nicht, aus welcher.

ZEIT ONLINE: Es wird viel gesprochen über die FDP und ihr Verhältnis zu Frauen.

Skudelny: Ich habe es nie als Manko oder Nachteil empfunden, Frau in der FDP zu sein. Klar gibt es in der Partei mehr Männer, aber kommen Sie mal zu einem Treffen der Insolvenzanwälte. Insofern bin ich das gewohnt. Mich haben die Themen der FDP immer interessiert. Und mir sind nie Steine in den Weg gelegt worden. Aber vielleicht haben wir es früher versäumt, in der Intonierung Frauen gezielt anzusprechen. Bildung ist ein Thema, das Frauen mehr interessiert. Und bei den Themen Wirtschaft und Gesellschaft sollten wir Männer mehr in die Pflicht nehmen, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht länger nur Frauensache bleibt.

ZEIT ONLINE: Wie sollte denn dieser andere Tonfall aussehen?

Skudelny: Ich gehe mit viel Spaß an meine Themen heran, ich würde nie etwas verkaufen, was ich blöd finde oder wohinter ich nicht stehe. Männliche Politiker tun das manchmal schon, der Macht wegen. Und: Frauen kommunizieren anders. Wenn ein Mann in eine Besprechung kommt, dann legt er den Autoschlüssel auf den Tisch, grunzt einmal und schon ist klar, wer Chef ist. Wir Frauen hingegen machen die Hackordnung verbal aus, wir reden viel. Und das finden Männer nicht dominant. Ich stampfe daher manchmal mit dem Fuß auf. Es ist wichtig, dass wir Frauen fördern, damit auch unsere Art der Kommunikation sich in der FDP mehr durchsetzt. Ich will nicht immer stampfen müssen. Dafür steigt gerade das Bewusstsein in meiner Partei.

ZEIT ONLINE: Mit Katja Suding in Hamburg und Lencke Steiner in Bremen waren zwei attraktive Frauen Spitzenkandidatinnen. Der FDP wurde vorgeworfen, sie ins Schaufenster zu stellen, um die Wahlen zu gewinnen. Was war nun sexistisch: der Vorwurf oder der Wahlkampf?

Skudelny: Lindner und Kubicki sind beide auch gut aussehende, attraktive Männer. Ihnen aber wird nie der Vorwurf gemacht, inhaltsleer zu sein und nur eine Show abzuziehen. Ich finde es schade, dass 2015 immer noch unterstellt wird, dass gut aussehende Frauen nicht denken können.

ZEIT ONLINE: Ärgern Sie sich manchmal über Wolfgang Kubicki?

Skudelny: Die Taxifahrerin eines FDP-Kollegen bat ihn darum, Kubicki auf dem Parteitag zu wählen. Er sei so sexy. Da kann man sich doch nicht mehr ärgern.

ZEIT ONLINE: Nun ja, er ist bekannt für seine Zoten, und es kommen gerne ansehnliche Frauen darin vor.

Skudelny: Als Vorsitzende des Landesverbandes der liberalen Frauen sage ich: Es ist besser, er wirbt mit gut aussehenden Frauen als mit dickbäuchigen Männern. Und ganz allgemein: Manche Herrenwitze, wie sie in unserer Partei, aber auch in anderen umlaufen, sollte man doch eher locker nehmen und darüber stehen.

ZEIT ONLINE: Wo könnte die FDP ihre Frauenförderung verbessern?

Skudelny: Wir müssen weg von der Präsenzkultur. Gute politische Persönlichkeiten brauchen nicht immer überall sein. Wer aber bekommt einen Posten in der Partei, wie übrigens in anderen Vereinen auch? Jemand, der nachts um drei noch E-Mails schreibt, höchst selbstbewusst auftritt und das am besten noch immer und überall. Doch nicht immer steckt etwas Substanzielles dahinter. Substanz kommt manchmal auf sehr leisen Füßen daher.