ZEIT ONLINE: Herr Maelicke, In ihrem neuen Buch untersuchen Sie den Zustand des deutschen Strafvollzugssystems und kommen dabei zu einem deprimierenden Ergebnis: Häufig werden Menschen dort nicht resozialisiert, sondern nur noch weiter in das kriminelle Milieu hineingezogen, schreiben Sie. Wie kommt das?

Prof. Bernd Maelicke: Gefängnisse können die Resozialisierung jedenfalls nicht alleine leisten. Das Ziel muss sein, dass der Gefangene nach der Entlassung nicht erneut straffällig wird. Statistiken zur Rückfallquote zeigen aber, dass häufig das Gegenteil der Fall ist. Gefängnisse sind geradezu Schulen des Verbrechens. In allen Gefängnissen weltweit gibt es Gewalt, Erpressung und sexuellen Missbrauch. Und die Häftlinge lernen von ihren Mithäftlingen – auch im Hinblick auf neue Straftaten.

ZEIT ONLINE:
Viele Gefangene sprechen davon , dass eine längere Inhaftierung zu sogenannten Knastschäden führt. Was bedeutet das genau?

Maelicke: Fast alle Inhaftierten kommen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Sie kennen Gewalt seit ihrer Kindheit. Sie haben sie angewendet oder waren selbst Opfer. Im Gefängnis setzt sich das nun fort. Um im Gefängnis zu überleben, muss man misstrauisch sein und selbst Brutalität ausstrahlen, damit man nicht zum Opfer wird. Das führt zu langfristigen Schädigungen.

ZEIT ONLINE: Welcher Typ von Mensch kann im Gefängnis leichter überleben?

Maelicke: Das sind die gewaltbereiten Bosse, die sich schon außerhalb der Gefängnismauern im kriminellen Milieu durchgesetzt haben. Es gibt in jedem Gefängnis mafiöse Strukturen und organisierte Kriminalität. Gerade der Drogenhandel ist in den Händen von bestimmten ethnischen Gruppen, die weiterhin Beziehungen nach draußen pflegen. Ganz unten in der Hierarchie findet man Schwule, Kinderschänder und junge Gefangene, die sexuell missbraucht werden. Auch bei den Ethnien gibt es klare Hierarchien, in denen die Schwarzafrikaner ganz unten und die Russen und Polen aufgrund ihrer hohen Gewaltbereitschaft ganz oben stehen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, wenn der Schwarzfahrer und Warenhausdieb, der seine Geldstrafe nicht bezahlen kann, mit Schwerstverbrechern in einem Gefängnis sitzt?

Maelicke: Genau das darf nicht passieren. Je kleiner die Einheiten des Strafvollzugs organisiert werden, je mehr Wohngruppenvollzug praktiziert wird, umso stärker kann auch differenziert werden, so dass dann der Schwarzfahrer nicht mit dem Schwerverbrecher zusammen sitzt. Aber auch in Deutschland haben wir Anstalten mit bis zu 1.000 Gefangenen. Aus Kostengründen werden die kleinen, dezentralen Anstalten immer häufiger geschlossen und es entstehen immer größere Anstalten. Damit wächst die Gefahr der Ansteckung durch die kriminelle Subkultur des Gefängnisses.

Wichtig wäre es deswegen, dass so wenige Menschen wie möglich überhaupt ins Gefängnis kommen. Täter mit Freiheitsstrafen von unter einem Jahr können mit Bewährungshilfe und ambulanten Maßnahmen viel wirksamer begleitet, kontrolliert und damit resozialisiert werden.

ZEIT ONLINE: Eine Inhaftierung bedeutet für viele Gefangene einen "bürgerlichen Tod". Auf sie wartet eine geschlossene neue Welt: eine zentrale Autorität, strikte Regeln, eine klare Rollenverteilung, ständige Überwachung, einheitliche Uniformen und eine ganz eigene Subkultur. Ist eine Resozialisierung da überhaupt möglich?

Maelicke: Natürlich gibt es auch Resozialisierungserfolge. Man kann die Zahlen ja auch umgekehrt lesen: 50% kommen nicht wieder ins Gefängnis zurück. Die Frage ist allerdings, ob man diese Erfolge auf den Strafvollzug zurückführen kann. Es gibt viele Gefangene, die sagen, dass sich das autoritäre und durch und durch strukturierte System positiv auf sie ausgewirkt hat. Trotzdem bleibt die spezifische Subkultur im Gefängnis ein Problem. Eingeübt wird ein Verhalten zum Überleben hinter Gefängnismauern und nicht für das Leben nach der Entlassung.

ZEIT ONLINE: Kann die feste Struktur auch zum Problem werden?

Maelicke: Ja, denn sie hat mit dem Leben draußen nichts zu tun. Resozialisieren heißt: Befähigen für das Leben nach der Entlassung, in dem es diese festen Strukturen der Anstalt nicht mehr gibt. Nach der Entlassung fallen die Gefangenen in die alten Verhältnisse und Verhaltensweisen zurück, die genau dazu geführt haben, dass sie straffällig geworden sind.