In der Alternativen Liste, der Vorläuferorganisation des Berliner Landesverbands von Bündnis 90/Die Grünen, hat es massiven sexuellen Missbrauch von Kindern gegeben. Dies geht aus einem Bericht der parteiinternen Pädophilie-Kommission hervor, den die Landesvorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener heute vorstellen. Die Partei dementierte aber einen Bericht des Tagesspiegels, nach dem es "bis zu 1.000 Opfer" sexueller Gewalt gegeben habe.

Mindestens zwei Parteimitglieder sollen in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Jungen missbraucht haben. Es handele sich um verurteilte Straftäter, die mittlerweile beide verstorben seien. Einer der Männer sei zuvor 1995 seinem geplanten Parteiausschluss durch Austritt zuvorgekommen. Beide Täter würden bereits in dem sogenannten Walter-Bericht erwähnt, mit dem der grüne Bundesverband 2014 die pädophile Parteigeschichte aufarbeitete. Der neueste Bericht stütze sich auf Aussagen von Parteimitgliedern und Nachforschungen externer Fachleute.

Eine genaue Angabe zur Zahl der Opfer wollten die Grünen nicht machen. Die vom Tagesspiegel gemeldete Zahl von bis zu 1.000 Fällen sei spekulativ. Sie war bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung am 26. März genannt worden, wurde von der Kommission aber einen Tag später korrigiert. Ob der Kindesmissbrauch in Räumlichkeiten oder auf Veranstaltungen des Landesverbands stattgefunden habe, sei bisher nicht erwiesen. Der Tagesspiegel berichtete, die Männer hätten eine eigene Arbeitsgemeinschaft Jung & Alt innerhalb der Partei gegründet und Jungen im Grundschulalter in einem Kreuzberger Freizeitladen missbraucht. Ihre Namen sollen im Bericht genannt werden. Die Berliner Grünen schließen nicht aus, dass es noch mehr Täter in den eigenen Reihen gegeben habe: "Ob und wie viele weitere Parteimitglieder daran beteiligt waren, können wir nur mutmaßen."

Der Bericht des Berliner Landesverbands ist Teil der Aufarbeitung der Grünen, die sich mit pädophilen Strömungen innerhalb der Partei insbesondere in den 1980er Jahren beschäftigt. Die Pädophilie-Debatte war vor der Bundestagswahl 2013 aufgekommen: Damals wurde bekannt, dass die Partei in ihren Gründungsjahren anfällig für pädophile Forderungen war, die sich im ersten Parteiprogramm ebenso wiederfanden wie in Wahlprogrammen auf Landesebene. 

Die Partei beauftragte den Göttinger Parteienforscher Franz Walter mit einem Forschungs- und Aufarbeitungsprojekt, dessen Abschlussbericht im November 2014 vorgestellt worden war.

Bei einer eigens eingerichteten Anlaufstelle meldeten sich inzwischen sieben Pädophilie-Opfer, in zwei Fällen könnte ein Zusammenhang der Taten zu den Grünen bestehen, teilte Parteichefin Simone Peter mit. In den Fällen liefen weiter Gespräche mit den Betroffenen. "Wir prüfen in jedem einzelnen Fall, welche Verantwortung uns Grüne als Partei trifft. Wir wollen, dass die Taten aufgeklärt werden und dass das Leid der Betroffenen Anerkennung findet", sagte Peter.