Schon seit einiger Zeit lese und höre ich ständig, dass die SPD mit neuen familienpolitischen Ideen aus ihrem Umfragetief herauskommen will. An diesem Wochenende berichtete wieder eine Zeitung, Sigmar Gabriel lasse ein Steuerkonzept entwickeln, das auf die Bedürfnisse von Mittelschichtfamilien zugeschnitten sei.

Fast immer stehen solche Ankündigungen in Texten über die angebliche Krise der SPD, also über die momentan nicht so guten Aussichten von Gabriel, Angela Merkel bei der nächsten Bundestagswahl aus dem Amt zu jagen. Es entsteht der Eindruck, Familienpolitik sei die Antwort der SPD auf ihre fehlende Machtperspektive.

Das ist ein Problem, eines von mehreren dieser SPD-Initiative. Natürlich arbeiten Politiker mit allem, was sie tun, auch auf ihre Wiederwahl hin. Aber die meisten Wähler wollen ungern ständig daran erinnert werden. Auch die Mütter und Väter, die Gabriel erreichen möchte, würden vermutlich gern denken, es ginge um sie und ihre Kinder, und nicht um Sigmar Gabriels Kanzlerkandidatur.

Nicht glaubwürdig

Das nächste Problem liegt aus meiner Sicht darin, dass die Ankündigungen nicht glaubwürdig sind. Die Sozialdemokraten sind stolz darauf, dass sie viele ihrer Wahlversprechen umgesetzt haben. Für viele Themen stimmt das, aber für die Familienpolitik stimmt es leider nicht. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die damalige Generalsekretärin Andrea Nahles im letzten Wahlkampf zum ersten Mal über die sogenannte Familienarbeitszeit sprach. Sie hatte die Idee von der Soziologin Jutta Allmendinger übernommen, die mit dem Slogan "Dreißig ist die neue Vollzeit" für kürzere Arbeitszeiten für Eltern warb.

Beide Eltern sollten rund dreißig Stunden arbeiten und vom Staat einen kleinen Zuschuss bekommen, der die Differenz zum Vollzeitgehalt ausgleicht. Nahles begeisterte damals den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, der begeisterte einige Wähler dafür. Aber nach der Wahl war das Thema weg. Stattdessen waren die Rentner dran. Wenn die SPD will, dass man ihr bei der nächsten Wahl glaubt, dass ihr die Familienpolitik diesmal wirklich wichtig ist, muss sie erklären, was sich in der Partei seit 2013 geändert hat.

Falscher Sound

Wichtig wäre außerdem ein anderer Sound. Alleinerziehende werden in einem neuen Werbeslogan der SPD als wonder women bezeichnet. Angeblich retten sie jeden Tag die Welt. Ich habe Zweifel, ob das viele Mütter anspricht. Alleinerziehende dafür zu loben, dass sie ihren Alltag bewältigen, ist ungefähr so sympathisch, wie Türken dafür zu preisen, dass sie gut deutsch sprechen. Wer so redet, verleiht Menschen einen Exotenstatus, die überwiegend ein normales bürgerliches Leben führen und so behandelt werden wollen. Auch positive Diskriminierung ist Diskriminierung.

Abgesehen davon sind die allerwenigsten Trennungseltern heutzutage tatsächlich alleinerziehend. Früher lebten die Kinder nach einer Trennung fast immer bei der Mutter, die Väter kamen alle zwei Wochen zu Besuch, gingen mit ihren Kindern Eis essen oder in den Zoo und wussten wenig von deren Alltag.

Heute gibt es viele Väter und Mütter, die es nach Trennungen schaffen, gemeinsam gute Eltern zu sein, auch wenn sie nicht als Paar harmonieren. Manche teilen sich die Zeit mit den Kinder 50:50, bei anderen kümmern sich die Mütter an Werktagen und die Väter am Wochenende, es gibt noch viele weitere Modelle. Aber in vielen Trennungsfamilien entscheiden die Eltern gemeinsam über Schulwechsel, Musikunterricht oder Urlaubsangebote.

Fehlende Worte

Was bisher fehlt, ist ein wirklich gutes Wort für die neuen Formen von Co-Elternschaft. Aber wäre genau das nicht mal eine Aufgabe für die SPD oder eine andere Partei: moderne Begriffe für die Familien der Gegenwart zu finden – und für die dann auch Politik zu machen?

Es gibt einen SPD-Mann, der Konzepte dieser Art schon ein paarmal erfunden hat. Leider haben aber die Sozialdemokraten gerade keine Verwendung für ihn. Er heißt Malte Ristau, arbeitete einst für Franz Münteferings Wahlkampfzentrale Kampa, später für die SPD-Familienministerin Renate Schmidt. Dann wurde er Ursula von der Leyens wichtigster Helfer bei Projekten wie dem Elterngeld und dem Krippenausbau, er war Abteilungsleiter im Familien- und dann im Arbeitsministerium. Heute arbeitet er freiberuflich für Unternehmensberatungen. Als Andrea Nahles nach der Bundestagswahl Arbeitsministerin wurde, entließ sie ihn.

Gabriel holte in dieser Zeit mehrere Grüne als Staatssekretäre in die Regierung. Doch der SPD-Mann Ristau war offenbar suspekt, weil er für die CDU gearbeitet hatte. Das war merkwürdig, denn mit den Christdemokraten bildete die SPD ja gerade eine Regierung. Nicht mit den Grünen.

Ich glaube, die SPD muss über ihr Familienkonzept noch mal neu nachdenken.