Der Historiker Heinrich August Winkler spricht während der Gedenkstunde im Bundestag. © Odd Andersen/AFP/Getty Images

In einer Gedenkstunde des Bundestages zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa hat der Historiker Heinrich August Winkler vor Vergessen und Ignoranz gewarnt. "Unter diese Geschichte lässt sich kein Schlussstrich ziehen", sagte Winkler. Alle Deutschen müssten sich dieser Verantwortung bewusst sein, auch jene, die selbst oder deren Eltern nach 1945 nach Deutschland eingewandert seien.

Winkler warnte auch vor Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Der Historiker sagte, die jüngsten Ausbrüche von Hetze und Gewalt seien eine Mahnung, "die eigentliche Lehre der deutschen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 zu beherzigen: die Verpflichtung, unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten".

Winkler erinnerte daran, dass der historische Irrweg Deutschlands nicht erst mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 begann: Große Teile der Gesellschaft hätten bereits das parlamentarische System der Weimarer Republik als "undeutsches System" abgelehnt.

Lammert würdigt Leistung der Alliierten

Winkler zählt seit Jahrzehnten zu den renommiertesten Historikern Deutschlands. Bis 2007 lehrte er an der Humboldt-Universität in Berlin. Sein Standardwerk Der lange Weg nach Westen analysiert die deutsche Geschichte zwischen 1806 und 1990.

In der Gedenkstunde würdigte Bundestagspräsident Norbert Lammert die Soldaten der westlichen Alliierten und der Roten Armee. Der 8. Mai sei für den ganzen Kontinent ein Tag der Befreiung gewesen, sagte Lammert im Bundestag. 

"Er war aber kein Tag der deutschen Selbstbefreiung", bekräftigte Lammert. Die gescheiterten Versuche mutiger Deutscher im Widerstand dürften nicht vergessen werden. Doch Gedanken und Respekt gelten laut Lammert vor allem denen, "die unter unvorstellbaren Verlusten die nationalsozialistische Terrorherrschaft beendet haben".

Lammert sagte: "Wir gedenken heute der Millionen Opfer eines beispiellosen Vernichtungsfeldzugs gegen andere Nationen und Völker, gegen Slawen, gegen die europäischen Juden." Er würdigte die Bereitschaft der Nachbarn Deutschlands zur Versöhnung als historisch beispiellos.