Erinnert sich noch jemand an Dolgenbrodt? In diesem Dörfchen, 50 Kilometer südöstlich von Berlin, idyllisch gelegen zwischen Wäldern und Seen, sollte ein Flüchtlingsheim entstehen. Die Behörden hatten dafür ein ehemaliges DDR-Ferienlager hergerichtet, aber im Ort gab es Proteste. Just in der letzten Nacht, bevor 86 Asylbewerber einziehen sollten, brannte das Heim ab. Der Täter war ein 18-jähriger dorfbekannter Neonazi und wie später herauskam, hatte ihm ein örtlicher Blumenhändler 2.000 DM Honorar gezahlt und dafür sogar bei seinen Nachbarn Geld gesammelt. Das war im November 1992.

Zwei Jahrzehnte später häufen sich nun wieder Brandstiftungen in fast fertigen Flüchtlingsheimen. Zuletzt im sächsischen Meißen und in Lübeck (Schleswig-Holstein), davor unter anderem in Tröglitz (Sachsen-Anhalt), Limburgerhof (Rheinland-Pfalz) oder im bayerischen Vorra. Im ersten Halbjahr 2015 haben die Behörden 150 Angriffe auf Unterkünfte von Asylbewerbern gezählt, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Vorstellung des neuen Verfassungsschutzberichtes – ein deutlicher Anstieg, denn im gesamten Vorjahr waren es 190. 

Dabei sind solche Taten nichts Neues, sondern gewissermaßen die Rückkehr zu einer alten Strategie der extremen Rechten, siehe Dolgenbrodt. 

Doch einige Dinge sind heute anders. Zum einen, wie die extreme Rechte in den vergangenen Jahren die steigende Zahl von Flüchtlingen und neue Asylbewerberheime nutzte, um neue Anhänger aus der Mitte zu zu mobilisieren: Reihenweise schossen Gruppen aus dem Boden, die sich wie Bürgerinitiativen besorgter Nachbarn geben. Sie heißen "Nein zum Heim in Köpenick" oder "Freital wehrt sich". Sie mobilisieren auf Facebook und Twitter, veranstalten Demonstrationen und sogenannte Mahnwachen. Vielerorts gelang es NPD-Kadern oder örtlichen Neonazi-Kameradschaften auf diese Weise, bis weit in die Mitte der Gesellschaft an rassistische Ressentiments anzuknüpfen und sie zuzuspitzen.

Der Höhepunkt dieser Welle waren die Pegida-Demonstrationen im vergangen Winter. Montag für Montag versammelten sie sich in Dresden, zeitweise stieg die Zahl der Teilnehmer auf mehr als 25.000. Der sächsische Innenminister und selbst SPD-Chef Sigmar Gabriel suchten das Gespräch. Bundesweit versuchten sich Pegida-Ableger zu etablieren. Für einen Moment fühlten sich Islamfeinde und Rechtsextreme obenauf – stärker als je zuvor konnten sie das Gefühl haben, sie stünden für eine schweigende Mehrheit und könnten das gesellschaftliche Klima verändern.

Die Zunahme der Anschläge fällt auch zusammen mit einem Niedergang der NPD. Im letzten Jahr flog sie in ihrer Hochburg Sachsen aus dem Landtag; ihre Strategie, über parlamentarische Arbeit und ein eher gemäßigtes Auftreten zu wachsen, ist gescheitert. Zudem zehrt das Verbotsverfahren an ihren Kräften, die Parteikassen sind leer, die Mitglieder laufen ihr davon – weniger in Richtung Pegida oder AfD, sondern zu noch radikaleren Parteien wie "Die Rechte", "Der Dritte Weg" oder auch zu militanten Neonazi-Kameradschaften.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Krise der NPD zu mehr Gewalt von rechtsaußen führt: Nachdem Ende der 1960er Jahre die erste Erfolgswelle der Partei endete, entstanden zahlreiche rechtsterroristische Gruppen. Für Demonstrationen und Pseudo-Bürgerinitiativen braucht man Geduld und Ausdauer. Und so zynisch es klingt: Per Brandstiftung lässt sich ein Flüchtlingsheim mit größerer Sicherheit verhindern. Dafür braucht es keine Organisation und keine Vernetzung, es genügt ein Benzinkanister, ein Feuerzeug und der Wille zur Nachahmungstat. 

Die Reaktionen der Neonazi-Szene auf die neuen Anschläge sind auch heute deutlich. In einschlägigen Internetforen gibt es klammheimliche oder gar offene Freude ("So ein Lichtenhagen Reloaded wäre doch richtig geil"). Die Brandstifter werden gelobt ("Ich habe Hochachtung vor diesen mutigen Aktivisten") oder zu Opfern umgedeutet, ihre Taten als "Notwehr" gegen eine angebliche Überfremdung Deutschlands dargestellt ("Irgendwann ist das Maß eben voll"). 

Doch neu ist auch der Widerstand: In Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen applaudierten Anwohner in den neunziger Jahren noch den Brandstiftern, den rassistischen Pogromen traten lediglich Antifa-Gruppen entgegen. Heute fielen allen Städten außer Dresden die Gegendemonstrationen deutlich größer aus als die Pegida-Aufmärsche. Und auch in Dresden flauten die Proteste ab, heute kommen nicht mehr Tausende, sondern nur noch Hunderte zu den montäglichen Veranstaltungen. 

Vor allem aber: Landauf, landab sind in den vergangenen Monaten Bürgerinitiativen für Flüchtlinge entstanden: Nachbarn von Asylbewerberheimen spenden Kleidung und Mobiliar, helfen bei Behördengängen, geben ehrenamtlich Sprachkurse. Im sächsischen Freital stellen sich Nacht für Nacht Bürger schützend vor das Asylbewerberheim.

Doch diese Gegenwehr wird immer erst stark, wenn die Rechten schon da waren. Und längst nicht vor jedem Asylbewerberheim stehen schon so viele schützende Menschen, dass es nicht zum Ziel eines Brandanschlags wird.

Freital - "Natürlich hat das etwas mit Rassismus zu tun" Im Juni 2015 protestieren im sächsischen Freital Gegner des Asylbewerberheims lautstark und teilweise gewaltsam. Befürworter demonstrieren ebenfalls. Polizisten trennen die Seiten. Doch wie soll das weitergehen?