ZEIT ONLINE: Die CDU feiert am 26. Juni ihren 70. Geburtstag und bezieht sich dabei auf den Berliner Gründungsaufruf von 1945. Macht sie sich damit nicht ein wenig älter, als sie ist?

Frank Bösch: Die CDU als Bundespartei wurde erst im Herbst 1950 gegründet. Dass sie sich so spät konstituiert hat, ist bezeichnend für ihre Geschichte. Denn von Beginn an war die CDU eine Partei, die regional sehr unterschiedlich und sehr föderal strukturiert war. Es gab zunächst viele einzelne Gruppierungen, die erst zu einer Partei zusammenfinden mussten. Insofern gab es ab Sommer 1945 viele verschiedene Geburtstage: eher katholische, eher konservative oder eher liberale.

ZEIT ONLINE: Bei der ersten Bundestagswahl 1949 lagen Union (31 Prozent) und SPD (29,2) noch fast gleichauf. In den Jahren danach wurde die CDU/CSU aber zur dominierenden Kraft der jungen Bundesrepublik. Was war das Geheimnis ihres Erfolges?

Bösch: Die CDU war in den ersten beiden Jahren noch keine Partei, von der man dauerhaft große Mehrheiten erwarten konnte. 1950 gab es eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, das Wirtschaftswunder ging nur schleppend los. Bei den Landtagswahlen wurde die CDU in norddeutschen Wahlkreisen mitunter nur viertstärkste Kraft hinter der SPD, der Vertriebenen-Partei BHE und der konservativen deutschen Partei.

Ein Erfolgsgeheimnis der CDU bestand darin, diese kleinen Parteien durch attraktive Angebote zu integrieren, sie bei Bündnissen finanziell zu unterstützen, sich programmatisch anzunähern oder Posten anzubieten, um so zunächst ihre Eliten und dann deren Erbe zu übernehmen. Diese Integrationsleistung war auch ein besonderes Verdienst Konrad Adenauers, der sehr kompromissbereit war und nicht dogmatisch dachte.

ZEIT ONLINE: Eine gewisse programmatische Unschärfe gehörte also schon damals zum Erfolgsrezept?

Bösch: Der Vorteil der CDU/CSU war, dass sie nach dem Nationalsozialismus ein recht offenes Dach für viele bot. Bei den Bundestagswahlen wählten viele Adenauer, der auf Plakaten entsprechend oft ohne den Zusatz "CDU" antrat. Zugleich hatte die CDU feste Integrationsklammern: den Anti-Kommunismus, den Erfolg der Marktwirtschaft und christlich grundierte moralische Werte.

ZEIT ONLINE: Ende der 70er Jahre galt die CDU manchem bereits als überholt, die Modernisierung der Gesellschaft schien gegen künftige Wahlerfolge der Christdemokraten zu sprechen. Trotzdem folgten dann ab 1982 weitere 16 Jahre CDU-Herrschaft. Wie war das möglich?

Bösch: Dies zeichnete sich bereits in den 1970er Jahren ab, die nicht so "rot" waren wie viele erinnern. Auch die CDU hat sich in dieser Zeit stark modernisiert. Es kam eine neue Führungsspitze, es traten in kurzer Zeit rund eine halbe Million meist junger Menschen ein und Helmut Kohl galt als jung, modern und fortschrittlich. Die gesellschaftliche Mitte wählte bei den Landtagswahlen mehrheitlich CDU, vielleicht auch beeinflusst durch 1968 und den Terrorismus. 1976 hatte die Union auch im Bund fast die absolute Mehrheit.

1980 allerdings erlebte die Partei, wie sehr ihr eine zu konservative Ausrichtung schaden kann. Mit Franz-Josef Strauß (CSU) als Kanzlerkandidat erlitt sie tatsächlich einen Einbruch, vor allem bei den Wählerinnen.

Die Politik braucht Eventisierung

ZEIT ONLINE: Seit den 90er Jahren hat die CDU 300.000 Mitglieder verloren. Generalsekretär Peter Tauber tut alles, um neue Mitglieder zu werben. Ist der Trend umkehrbar?

Bösch: Nein. Menschen wollen nicht mehr massenweise Mitglieder in zivilgesellschaftlichen Organisationen werden und schon gar nicht bei Parteien, das ist ein in ganz Europa zu beobachtender Trend. Im Vergleich sind die deutschen Parteien aber immer noch sehr stark.

Dass Tauber versucht, stärker über das Internet zu mobilisieren, ist der richtige Weg. Man wird in Zukunft eher digital miteinander in Kontakt treten. Gleichzeitig haben aber auch punktuelle physische Interaktionen an Bedeutung gewonnen. Es gibt heute überall trotz des Internets mehr Begegnungen denn je – Konzerte, Events, Sitzungen, Reisen. Politik muss sich auf eine Eventisierung einstellen, Gelegenheiten bieten, dass Leute regelmäßig zu etwas kommen, das mit der CDU verbunden wird. Und für den politischen Aufstieg werden außerhalb der Politik erworbene Qualifikationen etwa beruflicher, kreativer oder sozialer Natur künftig wichtiger werden als Parteikarrieren.

Nur noch rudimentär christlich

ZEIT ONLINE: Ihr Historiker-Kollege Paul Nolte erwartet, dass die CDU sich in zwanzig Jahren vom C in ihrem Namen verabschieden wird. Wie wichtig ist das C noch für die CDU?

Bösch: Ich sehe keine Anzeichen, dass sie sich in absehbarer Zeit vom C verabschiedet. Zwar ist die CDU nur noch rudimentär im engeren Sinne christlich ausgerichtet, aber das C ist noch immer von hohem symbolischen Wert und wirkt nach wie vor integrierend, nicht zuletzt auch in der emotionalen Abgrenzung vom Islam.

Zugleich macht es aber gerade die Stärke der CDU aus, dass sie sich eben nicht auf ihrem christlichen Polster ausgeruht hat, sondern das breite bürgerliche Lager in einer säkularen Art und Weise angesprochen hat. Anderen christdemokratischen Parteien wie in Italien, der Schweiz oder den Niederlanden ist dagegen mit der Säkularisierung das Fundament weggebrochen und sie wurden von rechtspopulistischen Parteien abgehängt.  

Merkel mehr wie Adenauer

ZEIT ONLINE: Häufig wird Angela Merkel vorgeworfen, die Partei so sehr modernisiert zu haben, dass sie ihre Identität verloren hat. Generalsekretär Tauber findet dagegen, die größte Phase der Veränderung habe die CDU unter dem frühen Helmut Kohl erlebt. Wer hat die Partei mehr verändert, Kohl oder Merkel?

Bösch: Kohl hat die Partei als Organisation stärker verändert. Er hat sie zur Mitgliederpartei umgebaut, Programme diskutieren lassen und ihre Organisation gestärkt, dann aber selbst später vornehmlich aus dem Kanzleramt die Politik gestaltet. Merkel hat dagegen, ohne große Diskussionen, für deutlich mehr inhaltliche Erneuerung gesorgt. Mit der Abschaffung der Wehrpflicht, dem Ausbau der Kinderbetreuung oder dem Atomausstieg hat sie Positionen verschoben, die der CDU lange heilig waren. Allerdings hat sie das durch ihr Regierungshandeln erreicht, nicht durch Programmdiskussionen mit der Partei. Hier gleicht sie eher Adenauer.

ZEIT ONLINE: Was passiert nach Merkel: Droht die Partei dann zu implodieren oder sehen Sie die Chance, dass sie an die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte anknüpfen kann?

Bösch: Bei allen großen Kanzlern, ob bei Adenauer, Kohl, Helmut Schmidt oder Willy Brandt, konnte sich niemand recht vorstellen, wer sie einst adäquat ersetzen sollte. Trotzdem glaube ich, dass der CDU ein politisches Vakuum von drei oder vier Jahren droht. Eine Zeit, in der es Zwischenvorsitzende geben wird so wie das mit Kurt Georg Kiesinger oder Rainer Barzel in der Post-Adenauer-Ära oder nach Kohl mit Wolfgang Schäuble war. In der zweiten Runde könnte sich dann jemand durchsetzen, der stärker von der Partei getragen wird und für einen Generationswechsel steht.