Sobald es dunkel wird in Freital, sind die Straßen leer. Kein Mensch mehr zu sehen, weit und breit. Alles versinkt in Kleinstadtschläfrigkeit. Nur am Langen Rain sind seit drei Nächten alle wach. Auf der Straße im Stadtteil Döhlen tobt Abend für Abend ein Stellungskrieg. Zwei Lager stehen sich gegenüber, die halbe Nacht, es fliegen Parolen, Schimpfwörter, manchmal auch Eier und Flaschen hin und her. Die einen sagen "Nein zum Heim", die anderen "Ja zu Flüchtlingen". Mal wieder ist vor einem sächsischen Asylbewerberheim der Teufel los.

Eigentlich wohnt man in Freital-Döhlen ruhig. Biedere Plattenbauten stehen in dem Viertel, in den Rabatten blühen Rosen. Mittendrin das Leonardo-Hotel, ein riesiger Komplex, der vor wenigen Tagen zur Erstaufnahmestelle für Asylbewerber umfunktioniert wurde. 280 Flüchtlinge sollen hier einziehen. Es ist eine Notlösung, denn alle anderen Quartiere sind überlastet. Die Entscheidung hat die sächsische Landesdirektorin von einem Tag auf den anderen getroffen und die Anwohner erst kurzfristig informiert. Die Nachricht sprach sich Anfang der Woche herum, binnen weniger Stunden hatte die Debatte um das Heim Extreme freigesetzt.

Mittwochabend, Tag drei der Konfrontation. Es ist schon spät, aber die Straße vor dem Leonardo-Hotel noch immer voller Menschen. Ein brodelnder Massenauflauf. Immer wieder brechen aus beiden Lagern Grüppchen aus, vagabundieren um die Blocks, werden aber schnell von Polizisten abgefangen. Die kontrollieren die Personalien: Woher kommen Sie? Was wollen Sie hier? Mehr als 100 Beamte trennen an diesem Abend die Fronten, etwa 150 Asylgegner auf der einen und knapp 100 Gegendemonstranten auf der anderen Seite. Die zwei Lager stehen sich bis kurz vor Mitternacht Auge in Auge gegenüber, die meisten sind seit vier, fünf Stunden hier.

Es hat etwas von einem bizarren Event. Der Aufzug der Asylgegner sieht aus wie die Warteschlange vor einer Großraumdisko – aufgeladen mit Aggressionen. Bierflaschen kreisen, das Pflaster ist gesprenkelt mit Kippen, eine Frau mit rotgefärbten Haaren ruft ihren glatzköpfigen Freunden zu: "Ey Leute, kann man hier auch mal Musik anmachen oder ist das verboten?" Rassismus als Happening, zu dem man sich nun jeden Abend trifft. 

Pegida-Frontmann am Langen Rain

"Ist doch Verschwendung, was die Ausländer alles bekommen", stammelt ein Mann mit schwerer Zunge. "Sollen die doch alle Schlauchboote nehmen und untergehen." Immer wieder rafft sich die Menge zu Parolen auf, stimmt das immer gleiche Hassgegröle an: "Linksfaschistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt! Wir wollen euch hängen sehen! Kriminelle Ausländer raus!"

Ist das der Bodensatz von Pegida? Der harte, radikale Kern der Bewegung, die immer mehr an Bedeutung verliert? Bei der letzten Montagskundgebung haben sich gerade mal 900 Anhänger versammelt, so wenige wie noch nie. Lutz Bachmann, immer noch die Leitfigur, hatte wieder eine Rede gehalten, aber im Anschluss noch etwas anderes vor: Stimmung machen vor dem Freitaler Heim. Auf Facebook hatte er zuvor schon seine Anhänger scharf gemacht, sie aufgerufen, zum "Glücksritter-Heim" zu kommen, wo "in einer Überrumplungsaktion unangemeldet 150 Asylanten angekarrt worden sind" und sich eine "SAntifa-Staffel postiert" habe.

Auch Bachmann ist zum Langen Rain gefahren und hat sich unter die Menge gemischt. Eine gewiefte PR-Strategie, die Aufmerksamkeit garantiert. Die Freitaler Asylgegner profitieren von den Journalisten, die Bachmann folgen. Und er braucht in seiner Agenda neue Schlagzeilen, um die ausländerfeindliche Stimmung am Kochen zu halten. Wenn Pegida im Dresdner Zentrum lahmt, dann kommt der Stellvertreterkrieg in der Nachbarstadt gerade recht.