Der scheidende Linksfraktionschef Gregor Gysi ist, das betont er gern, schon lange im Geschäft. In Krisenzeiten wurde er deshalb schon häufiger zum Gespräch ins Kanzleramt gebeten. Das ist immer dann der Fall, wenn die Lage so ernst ist, dass Angela Merkel um das Verständnis der Opposition werben muss. Zum Beispiel 2012, als der Bundestag dem umstrittenen Eurorettungsfonds zustimmen sollte. Meist, so sieht es zumindest Gysi, plaudert man dann nett, tauscht die unterschiedlichen Meinungen aus und verabschiedet sich wieder.

Doch dieses Mal war alles anders. "Das Gesprächsklima war wirklich nicht wie sonst, das ist dem Ernst der Lage geschuldet", sagt Gysi. "Es war ein Gespräch auf Augenhöhe. Aber unsere Auffassung bleibt natürlich höchst unterschiedlich."

Gysi steht mit den beiden Linksparteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger auf der Straße vor dem Kanzleramt in der Sonne. 80 Minuten haben die Partei- und Fraktionschefs der im Bundestag vertretenen Parteien an diesem Montag über die Griechenland-Krise und die drohende Zahlungsunfähigkeit des Landes beraten. Zur gemeinsamen Pressekonferenz von Merkel und ihrem Vizekanzler Sigmar Gabriel im Anschluss war die Opposition nicht eingeladen. Also äußern sich Linke und Grüne einfach draußen. Sie alle machen sehr ernste Gesichter.

Tsipras erzählt eine andere Version

Gysi geißelt das kompromisslose Verhalten der Eurogruppe und auch der Bundesregierung – er äußert sich mehr als besorgt: "Hier kann etwas eingeleitet werden, das verheerend wäre." Niemand könne sagen, ob eine Pleite der griechischen Banken nicht auch Auswirkungen auf Nachbarländer wie Bulgarien und Mazedonien haben könnte. Sogar eine mögliche Kriegsgefahr bringt er für den Fall des Auseinanderdriftens der Währungsunion ins Spiel. "Es kann morgen zu einer chinesischen oder russischen Lösung kommen, finden wir das wirklich eine gute Idee?", sagt Gysi an anderer Stelle. Ein interessanter Satz, wo prominente Vertreter der Linkspartei doch stets zu mehr Verständnis für den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufrufen und vor dessen Dämonisierung warnen.

Für die Linken ist klar: Merkels Euro-Rettungspolitik hat versagt, das ewige Spar-Mantra habe die Situation in Griechenland gefährlich zugespitzt. Partei- und Fraktionsführung zweifeln zudem an der Version der Eurogruppe, man habe kurz vor einer Einigung mit Griechenland gestanden. Er habe am Sonntag mit Regierungschef Alexis Tsipras telefoniert, sagt Gysi. Tsipras' Version sei: Die Eurogruppe habe Griechenland am Freitag verweigert, eine Steuer auf Betriebsgewinne ab 500 Million Euro einzuführen, aber verlangt, dass Renten gekürzt werden. So etwas sei für Tsipras nicht zustimmungsfähig gewesen. Von einem großzügigen Angebot der Gläubiger könne also keine Rede sein.

Im Gespräch mit der Kanzlerin habe die Linke für eine weitere Verlängerung des Hilfspakets geworben, sagt auch Parteichefin Kipping. Und ihr Kollege Riexinger hat leise Hoffnung, dass es in den kommenden Tagen noch zu Verhandlungen kommt: "Wir können Frau Merkel abnehmen, dass sie nicht die Kanzlerin sein will, unter der der Euro zerbricht."

"Keine konkreten Vorschläge, wie es weitergeht""

Die Kritik der Grünen am Vorgehen der Eurogruppe ist deutlich moderater, die strengen Sparauflagen an Griechenland sehen sie zwar kritisch, aber nicht so sehr wie der Oppositionspartner. "Am Ende müssen alle vor der Geschichte bestehen", sagt Grünen-Chef Cem Özdemir: "Tsipras wie Merkel. Sparpolitik ist nicht die einzige Lösung, aber der Wahlkampf in Athen ist auch vorbei." Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ruft beide Seiten dazu auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. "Die Bundesregierung hat keine konkreten Vorschläge, wie es weitergeht", piesackt sie noch. Das Verhalten der Tsipras-Regierung kommentiert die Grünen-Führung vor dem Kanzleramt nicht. Am Wochenende hatten die beiden Fraktionsvorsitzenden noch betont, sie fänden es "bedauerlich", dass Tsipras immer Vorschläge vorlege, die Stunden später Makulatur seien. Und in internen Runden haben Spitzen-Grüne für das Auftreten Tsipras' und seines Finanzministers Yanis Varoufakis schon lange keine guten Worte mehr übrig.

Von "Unprofessionalität" ist bei den Grünen die Rede, während Linke die Schwesterregierung in Athen verteidigen: Sie habe es sehr schwer gehabt, von Anfang an sei klar gewesen, dass die Gläubiger Syriza keinen Erfolg gönnen wollten.

Die Grünen-Vertreter vor dem Kanzleramt haben sich hingegen eine vermeintlich versöhnliche Position zum Griechenland-Referendum überlegt, die inzwischen sogar von EU-Vertretern und Koalitionspolitikern geteilt wird: Die Volksabstimmung am Sonntag könne ja auch eine Chance sein. Damit das griechische Volk gegen die eigene Regierung stimme und so ein lautes Ja zum Euro formuliere. Also das Gegenteil dessen tut, wozu Tsipras die Bürger auffordert.

"Ich bin für ein Nein, weil ich glaube, dass diese Austeritätspolitik kläglich gescheitert ist", sagt dagegen Gysi. Am liebsten hätte er es, dass die Eurogruppe Syriza noch vor dem Wochenende entgegenkommt. Bei einem Ausstieg aus dem Euro drohe "Massenarbeitslosigkeit, auch hier in Deutschland", sagt der Fraktionschef. Auch wenn Gsyi gern blumig formuliert, so dramatisch hat man ihn selten erlebt.

Gemeinsam haben Grüne und Linke lediglich, dass sie eine Sondersitzung des Bundestages in dieser Woche und eine Regierungserklärung der Kanzlerin zu Griechenland fordern. Diesem Wunsch ist entsprochen worden, sagt Gysi. Die Sitzung werde am Mittwoch stattfinden.

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.