Wie real ist die Gefahr eines islamistischen Terroranschlags mit vielen Opfern auch in Deutschland? Dass sie ein Szenario wie in Tunesien verhindern können, wollen die deutschen Sicherheitsbehörden jedenfalls schon lange nicht mehr versprechen. "Abstrakt hoch" sei die Gefahr eines Anschlags hierzulande, heißt es seit Monaten. Die Bevölkerung müsse wachsam sein, ohne sich zu sehr zu sorgen.

Am Dienstag wurde in Berlin der Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2014 vorgestellt. Und Innenminister Thomas de Maizière sprach erneut von einer "ernstzunehmenden Bedrohungsgefahr".  Nur drei Tage ist es her, dass ein mutmaßlicher Islamist in einem tunesischen Strandhotel um sich schoss und 38 Touristen ermordete, darunter zwei Deutsche. Zu Beginn des Jahres hatten die Anschläge von Paris und Kopenhagen Europa erschüttert, Ende April nahm die Polizei in Oberursel bei Frankfurt ein Paar fest, das einen Nagelbomben-Anschlag auf ein Radrennen geplant haben soll. Der Terror ist also längst da, doch bisher konnte zumindest innerhalb der deutschen Landesgrenzen Schlimmeres verhindert werden. Bis auf die Tat von Arid U.: Der Kosovo-Albaner erschoss 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Amerikaner.

Der "bittere Freitag" hätte die Gefahrenlage für Deutschland nicht erhöht, betont der Innenminister. Doch er macht keinen Hehl daraus, dass er besorgt ist. Das Problem für den Inlandsgeheimdienst ist schlichtweg, dass er den Überblick über potenzielle islamistische Gewalttäter verloren hat. Das zeigen auch Zahlen aus dem Bericht für das vergangene Jahr.

Euphorie über das Kalifat

43.000 in Deutschland lebende Islamisten hat der Verfassungsschutz im Berichtsjahr 2014 identifiziert, davon seien 300 sogenannte Gefährder, also Personen, denen man Gewalttaten zutraue. Hinzu kämen 300 Personen, die besonders beobachtet würden, sagt Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Vor allem die salafistische Szene wächst: 7.000 Mitglieder wurden 2014 gezählt, ein Jahr zuvor waren es 5.500. 

Der Verfassungsschutzbericht verweist auch auf die geopolitische Lage, die bei Islamisten weltweit für eine "euphorische Stimmung" sorge. Die Erfolge der Organisation "Islamischer Staat" (IS) und die Ausrufung eines weltweiten "Kalifats" hätten im Jahr 2014 zu einer "neuen Dimension terroristischer Bedrohung geführt". So rufe IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zu Anschlägen in Europa auf.

Der Verfassungsschutz weiß von 700 Deutschen, die inzwischen nach Syrien gereist sind, um sich dort dem IS anzuschließen. Mindestens neun Dschihadisten haben vor Ort Selbstmordanschläge verübt. Etwa ein Drittel aller Ausgereisten sei inzwischen wieder zurück in Deutschland. "Wir können nicht alle beobachten", betont Maaßen. Die Abreise von Islamisten bleibt oft auch unbemerkt, wenn sie die Route über die Türkei nach Syrien wählen – in die Türkei kann man mit dem Personalausweis einreisen, deutsche Geheimdienste erfahren davon in der Regel nichts.

Der Innenminister zeigt sich besorgt, dass von den Islamisten immer mehr sehr junge Frauen angeworben werden. "Der Anteil der Frauen ist klein, aber er wächst überproportional. Und sie werden immer jünger." Oft wollten sich die Jugendlichen von den eigenen Eltern abgrenzen oder sie interessierten sich für die IS-Kämpfer, deren vermeintlich starkes Image per Social Media noch befeuert wird. "In Wahrheit werden sie verschleppt, verkauft, vergewaltigt", beschrieb de Maizière das Schicksal der IS-Sympathisantinnen, die für die syrischen Kriegsgebiete angeworben wurden.

"Erschreckend viele" Angriffe auf Flüchtlingsheime

Über die vielleicht gefährlichste Gruppe der Islamisten weiß der Verfassungsschutz wenig: die unbemerkt Radikalisierten. Zu ihnen soll das Ehepaar aus Oberursel gehört haben. Die Sicherheitsbehörden kamen nur durch einen Tipp einer Baumarkt-Verkäuferin auf den geplanten Anschlag. Die Frau hatte sich über die große Menge an Chemikalien gewundert, die das Paar bestellte – der Inlandsgeheimdienst war bis dahin nicht alarmiert gewesen.

Besorgniserregende Tendenzen beobachten die Innenminister aber auch bei der Fremdenfeindlichkeit. Allein bis Ende Juni wurden 150 rechtsextremistische Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte gezählt, sagt der Innenminister, das sei "mehr als erschreckend". Denn im gesamten Jahr 2014 waren es laut Verfassungsschutzbericht 170, 2013 wurden nur 45 Vorfälle berichtet. Neben dem generell wachsenden Unmut gegenüber Zuwanderung mag noch etwas die steigenden Zahlen erklären: Gerade im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Flüchtlingsheime neu eröffnet.

Es gibt keine Gewissheit, dass die Zahlen das wirkliche Ausmaß erfassen. Ein Nachbar, der sich über vermeintlichen Lärm in der Unterkunft aufrege und daraufhin Feuer lege, dem man aber kein rassistisches Motiv nachweisen könne, der falle nicht in diese Statistik, erklärt der Verfassungsschutzpräsident.