Die interne Gründungstagung währt noch keine zwei Stunden, da warnt Bernd Kölmel die Teilnehmer schon eindringlich, die Finger stillzuhalten. Der Mitorganisator der Konferenz in einem Hotel in der Nähe des Kasseler Bahnhofs hat gerade Details aus der Begrüßungsansprache Bernd Luckes in einem internen Mitgliederforum der AfD auf Facebook gesehen, gepostet von einem Kreisvorsitzenden der Partei, der gar nicht im Raum ist. Noch nicht einmal existent, hat das neue Bündnis bereits einen Maulwurf in seinen Reihen. Ein solches Lucke-Leak gab es schon einmal, als sich Luckes Anhänger vor ein paar Wochen auf den AfD-Parteitag in Essen vorbereiteten. Viele dieser Unterstützer haben sich nun in Kassel wiedergetroffen.

Im Foyer des Hotels wacht ein Polizist mit kugelsicherer Weste – wegen möglicher Attacken auf die Gründer, heißt es an der Rezeption. Im Tagungsraum des Kellergeschosses erläutert Kölmel den gut 70 Anhängern des von Lucke gegründeten politischen Vereins Weckruf 2015 die nächsten Ziele: Zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt im März 2016 gelte es, mit der neuen Partei mindestens Achtungserfolge einzufahren. Und die verhasste AfD, so erträumen es sich hier viele, soll am Wahlabend in der Balkengrafik in den bedeutungslosen Sonstigen Parteien verschwinden.

Zumindest formal sind die Voraussetzungen dafür nun geschaffen. Zwei Jahre nach dem Start der AfD und zwei Wochen nach Luckes turbulenter Abwahl in Essen hat sich in Kassel die Partei Alfa gegründet, die Allianz für Fortschritt und Aufbruch. Unter dem Arbeitstitel Neustart hatten abtrünnige AfD-Mitglieder in den vergangenen Wochen an einem Konzept gefeilt. In Kassel wählten die Gründungsmitglieder nun Lucke zum Vorsitzenden und beschlossen eine Satzung sowie ein Gründungsprogramm. Noch in der Nacht sollen die Unterlagen per Fax den Bundeswahlleiter erreichen. Alfa will als Fortschrittspartei punkten, sagt Lucke, gegen Technologiefeindlichkeit ankämpfen, die Vorbehalte gegen Gentechnik aufweichen. "Es gibt noch keine derartige Partei in Deutschland", sagt der neue Vorsitzende.

Vor allem will Alfa aber die Fehler der AfD vermeiden: Das schnelle Wachstum, die platten Phrasen, die Nähe zu Pegida und den Schwenk hin zum Populismus nach dem Europawahl-Erfolg 2014, der viele Nationalisten anzog und mit dem die ostdeutschen Landesverbände zweistellige Wahlergebnisse einfuhren. Die rechtsnationale Unterwanderung, die Lucke anfangs durch eigene Äußerungen begünstigt hatte und vor der er später erfolglos warnte.

Die Alfa-Satzung enthält dafür konkrete Hürden: Aufnahmeanträge von Interessenten mit rassistischen, nationalistischen oder islamfeindlichen Positionen sollen keine Chance haben, für besonders belastete Personen ein Aufnahmeverbot gelten. "Sachlich-konstruktive Kritik" zu diesen Themen sei aber möglich, heißt es in Paragraf 3. Und der Vorstand behält sich vor, Interessenten zunächst als Gastmitglieder ohne Stimmrecht aufzunehmen und erst nach einem Jahr voll anzuerkennen – oder eben abzulehnen, wenn es sich um einen Nationalisten oder Querulanten handelt.

Mit Euroskepsis und Gentechnik Wahlen gewinnen?

Für den Fall seiner Abwahl als AfD-Chef hatte Lucke vorgesorgt und im Frühjahr den parteinahen Verein Weckruf 2015 gegründet, aus dem nun Alfa hervorgeht. Der Großteil der laut Lucke mittlerweile fast 5.000 Weckruf-Unterstützer hat mittlerweile die AfD verlassen und sei laut einer internen Umfrage bereit, bei Alfa beizutreten. Darunter die Weckruf-Mitgründer Ulrike Trebesius und Bernd Kölmel, Europaabgeordnete und zuvor Landeschefs in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Oder der Europaabgeordnete Hans-Olaf Henkel, der einen Alfa-Wirtschaftsrat gründen soll. Oder der Ökonom Joachim Starbatty aus Tübingen, mit dem der gesamte Wissenschaftlichen Beirat der AfD zu Lucke wechselte.  

Der Weckruf wird nun zu Alfa, einer Art AfD 2.0: Entstehen soll "die alte weltoffene, euroskeptische Partei von 2013", sagt Lucke. Also ohne den "Lügenpresse"-Populismus von AfD-Vize Alexander Gauland, ohne die Gender-Ängste der in Essen gewählten Co-Vorsitzenden Beatrix von Storch, ohne die Pegida-Zündeleien von Petry und ihrem nationalkonservativen Strategiepartner im Westen Deutschlands, NRW-Landeschef Marcus Pretzell.

Doch lassen sich allein mit Euroskepsis und Gentechnik Wahlen gewinnen? Die neue Partei bräuchte zündende Themen, sie bedürfte neuer, charismatischer Köpfe, den schnellen Erfolg in den westdeutschen Flächenländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, wo im März 2016 gewählt wird. Im Osten gälte es, in den Landtag Sachsen-Anhalts einzuziehen. Im Expresstempo müsste Alfa viele Mitglieder werben und ein Profil entwickeln, das auch in der Wirtschafts-, Familien- und Bildungspolitik unverwechselbare Wegmarken setzt.