Hunderte, vielleicht Tausende Mitglieder sollen es sein, die in diesen Tagen zusammen mit Parteigründer Bernd Lucke die Alternative für Deutschland (AfD) verlassen. Die Partei verliert fünf ihrer sieben Europaabgeordneten, außerdem etliche Landesvorsitzende. Es träten "vor allem Funktionäre und Aktive" aus, erklärte der bayerische AfD-Chef. Einen regelrechten Braindrain erleidet die Partei, seit Lucke am vergangenen Wochenende im Kampf um den Vorsitz gegen Frauke Petry unterlag.

Zweifellos ist das ein schwerer Schlag für die AfD – aber ob damit wirklich ihr Untergang besiegelt ist, muss sich erst noch zeigen.

Einerseits: Natürlich sinken mit dem Abschied des Lucke-Flügels die Aussichten der Partei, sich langfristig zu etablieren. Das Kunststück der AfD war es bisher, verschiedenen Randströmungen des politischen Spektrums das Gefühl zu vermitteln, ihre politische Heimat zu sein oder werden zu können: den EU-Kritikern und D-Mark-Nostalgikern ebenso wie Islam- und Fremdenfeinden, Marktradikalen, Neokonservativen oder fundamentalistischen Abtreibungsgegnern, Leugnern des menschengemachten Klimawandels genauso wie Leuten, denen Frauenemanzipation und Homo-Ehe wie der Untergang des Abendlandes vorkommen. Lucke und andere Prominente wie Hans-Olaf Henkel, früherer Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, waren der liberal-seriöse Lack über einer rechten bis sehr rechten Parteibasis.

Es ist scheinheilig, wenn Lucke sich beschwert, die AfD werde unter der neuen Führung "zu einer Protest- und Wutbürgerpartei". Sie war es längst. Oder wenn er sich über Fremdenfeindlichkeit beklagt. Schon bisher war etwa jeder zweite AfD-Wähler ausländerfeindlich. Lucke selbst hat oft genug rechts geblinkt, mal Migranten als "Bodensatz" bezeichnet, mal Pegida-Anhänger umworben

Lucke wird der AfD fehlen

Lucke und seine Anhänger werden der AfD sehr fehlen, vor allem im Westen. Dort war sein Flügel stark, weshalb nun erst mal ein Gutteil der dortigen Parteistrukturen wegbrechen wird. Ganz unabhängig davon, ob die Aussteiger eine neue Partei gründen, rückt der Einzug in die nächsten Landtage bei den wichtigen Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März 2016 nun in weite Ferne (was die CDU in beiden Ländern freuen wird). Denn am rechten Rand ist das Gedränge groß, neben der siechen NPD will auch die neue, noch radikalere Partei Der Dritte Weg antreten, ebenso die Reste von Pegida.

Die Fünf-Prozent-Hürde ist für die AfD nun kaum mehr zu schaffen, zumindest im Westen. Es ist daher gut möglich, dass diese Woche der Anfang vom Ende der AfD war, und sie doch noch scheitert, wie so viele andere Versuche vor ihr, eine Partei rechts der Union zu etablieren. Doch für ausgemacht sollte man das noch nicht halten.