Die Entmachtung Bernd Luckes kommt nicht überraschend. Allenfalls in ihrer Brutalität war sie nicht vorherzusehen. Aber, dass Lucke der inneren Dynamik der AfD irgendwann zum Opfer fallen würde, zeichnete sich schon ab, als seine siegreiche Nachfolgerin noch mit Wahlkampf in der sächsischen Provinz beschäftigt war.

Natürlich stürzt Lucke jetzt auch, weil mit Frauke Petry eine passendere Alternative für die nächste Etappe der Partei bereitsteht. Der eigentliche Grund jedoch liegt tiefer. Lucke stürzte, weil er das Bedürfnis seiner Partei nach Radikalisierung nicht länger befriedigen konnte. Seine Methode, die AfD-Sympathisanten mit den scharfen populistischen Stoffen zu füttern und zugleich zu disziplinieren, ist an ihr Ende gekommen.

Seit Lucke die Partei führte, hat er versucht, die frei flottierenden Ressentiments – über Europa, die Zuwanderung, oder das "verkommene" politische System – aufzugreifen und zu bestätigen. So wurde die AfD im Protestmilieu populär und Lucke an ihrer Spitze. Zugleich aber hat er versucht, das Terrain abzustecken, auf das sich die Debatten und Positionen der AfD beschränken sollten. Wer Lucke auf den Veranstaltungen seiner Partei beobachtete, erlebte einen Politiker, der ständig zwischen der Rolle des Scharfmachers und des Dompteurs hin und her pendelte. So animierte und rekrutierte er die Unterstützer, die er doch immer zugleich bremsen und enttäuschen musste.

Lucke wollte mitspielen

Die AfD sollte nicht soweit aus dem Ruder laufen, dass sie sich als politische Kraft von vornherein unmöglich machte. Denn anders als die Mehrheit seiner Anhänger wollte Lucke mit seiner Protestpartei auch im bürgerlichen Milieu und letztlich im "System" ankommen. Lucke wollte mitspielen. Auch das einer der unlösbaren Widersprüche seiner Strategie: Er bediente die Verachtung gegenüber der etablierten Politik und kalkulierte doch schon, wie seine eigene Rolle darin aussehen könnte.

Lucke ist ein – gescheiterter – Machtpolitiker. Deshalb fing er just in dem Moment an, seine Partei vor einer gefährlichen Radikalisierung zu warnen, als der rechtskonservative Flügel seine Position an der Spitze bedrohte. Er kaschierte den erbitterten Machtkampf als inhaltliche Auseinandersetzung. Aber wie konnte er annehmen, dass die Partei seinen abrupten Rollenwechsel vom ersten Anheizer zum ersten Kritiker schlucken würde? Wie naiv war es, zu glauben, er könne die Partei mit der Warnung vor einer rechten Unterwanderung  zur Raison bringen, die er doch selbst immer als gesteuerte Diffamierungen des Mainstreams abgetan hatte?

Plötzlich hatte Lucke Angst vor dem Rechtsruck – dabei hatte er doch nur Angst vor Frauke Petry. Die war berechtigt. Nicht weil Petry so weit rechts von ihm steht, sondern weil sie so gnadenlos und ungerührt all die Fehler nutzte, die Lucke im Kampf um sein politisches Überleben beging. Während der Parteichef plötzlich so wirkte, als wolle er die AfD in die liberale Professorenpartei zurückverwandeln, die sie doch nur in ihrer Gründungspropaganda gewesen war, braucht Frauke Petry nur die Arme ausbreiten und alle Schattierungen der Protestszene willkommen heißen. 

Petry ist in der Gefahrenzone angekommen

Jetzt muss sie mit der inneren Dynamik der AfD klar kommen. Auch die neue Chefin weckt Radikalisierungserwartungen, die sie schwer befriedigen kann. Bremst sie diese, wird sie, außer dem Verdacht ihrer "liberalen" Gegner, schon bald den Frust ihrer rechten Unterstützer auf sich ziehen. Gibt sie dem rechten Flügel einfach nach, wird sie dem politischen Exzess kaum Herr werden. Der Kampf, den Lucke gerade verloren hat, steht Petry jetzt bevor.

Populistische Bewegungen haben ein untrügliches Gespür dafür, wenn sich ihre Führer auf Abwege begeben, wenn sie beginnen, die Basis auszutricksen und Spaß an der Macht zu finden, die sie angeblich so verachten. Petry ist in der Gefahrenzone angekommen.