Weckruf-Mitgründer Bernd Lucke auf dem AfD-Parteitag in Essen ©Wolfgang Rattay/Reuters

Dass Bernd Lucke seinen Rückhalt in der AfD verloren hat, lässt sich schon Stunden vor seiner Abwahl erahnen. Der Parteitag in Essen will beschließen, heute nicht über die Satzung abzustimmen. Doch in dieses Votum gerät auch die Entscheidung hinein, ob der von Lucke gewünschte Generalsekretär gewählt werden soll. Vor Tagen hatte er André Yorulmaz nominiert, einen homosexuellen Deutschtürken, der die überlastete Bundesgeschäftsstelle wieder arbeitsfähig machen soll. Möglicherweise hat Lucke damit sein Ende besiegelt. Denn der Parteitag verwehrt Lucke seinen Wunsch. Mit fast genau jener Mehrheit, mit der Luckes Rivalin Frauke Petry am frühen Abend im Kampf um die Parteispitze triumphiert.

Wenige Momente nachdem die Partei Lucke entmachtet hat, sucht sich der Frust seiner Anhänger ein Ventil: Am Mikrofon der Essener Grugahalle erklärt ein Mitglied der Zählkommission den Austritt. Andere reißen ihre Einlass-Armbändchen vom Handgelenk und reisen ab. Der frühere NRW-Landeschef Alexander Dilger schreibt in seinem Blog, dass er die Partei verlassen wird. Lucke hat verloren und damit sein Verein Weckruf 2015, in dem der wirtschaftsliberale Volkswirt seit Mai seine Anhänger sammelte, um im Notfall eine neue Partei gründen zu können. Der Versuch, die AfD vor einer feindlichen Übernahme durch die Nationalkonservativen um die Sächsische Landeschefin Petry zu schützen, ist gescheitert. 

Während Petry mit reichlich Gefolge in einem Biergarten feiert, steht Lucke wenige Straßenecken weiter im weitläufigen Freigelände einer Bar und muss Trost spenden. "Herzliches Beileid", begrüßen sich ankommende Weckruf-Anhänger wie auf einer Beerdigung. Viele sind hier nach den demütigenden Buhrufen und dem Hohngelächter im Parteitagsplenum der Resignation näher als dem Aufbruch. Dass der Verein nach dem Wundenlecken die alte Kraft zurückerlangt, ist eher unwahrscheinlich. 

Es zeigt sich, dass das Projekt Weckruf deutlich weniger tragfähig war, als Lucke es gehofft hatte. Der Verein hat bisher acht Mitglieder. Die 4.000 Interessenten, von denen immer die Rede war, sollten aus vereinsrechtlichen Gründen erst später beitreten. Die Resonanz auf Luckes Idee war groß, viele begeisterte die Idee, ein starkes Korrektiv gegen den populistischen Kurs von Parteivize Alexander Gauland oder die nationalistischen Töne aus mehreren Parteiflügeln zu bilden. Aber es fehlte in letzter Konsequenz an der Bereitschaft zum Handeln. Zu wenige Weckrufler waren in der Grugahalle, um für Lucke zu stimmen. Die Hitze, die weite Fahrt. "Die anderen waren besser", bekennt ein Mannheimer AfD-Stadtrat trocken.

Wir haben es nicht geschafft zu mobilisieren, lautet die meist gehörte Analyse zwischen den Kneipentischen. Sich per Mail für den Weckruf zu registrieren, mache keine Mühe, sagt eine der Sympathisantinnen. Aber dann auch wirklich anzureisen und mitzumachen, erfordere Zeit und Geld, sei somit viel schwerer. 

Das zeigte sich schon bei einer Weckruf-Sitzung in Niedersachsen, eine Woche vor dem Parteitag. Auf die Frage, wer denn nach Essen komme, gingen dort so wenige Arme hoch, dass Lucke nur ein verdutztes "Oh" entfuhr. "Wenn Sie selbst nicht können, schicken Sie fünf andere", scherzte Lucke. Geholfen hat das nichts.    

An mehreren Orten berieten die Weckrufler am Abend über die Konsequenzen der Wahl. Das Meinungsbild beschreibt die Vereinsführung als dreigeteilt: Ein Teil wolle abwarten, wie radikal das derzeit entstehende Parteiprogramm ausfällt. Eine weitere Gruppe wolle eine neue Partei gründen. Und der Rest wolle aus der AfD austreten und sich abwenden. Hier im Freiluftrestaurant sitzten aber überwiegend letztere. Viele betrachten die Petry-AfD nicht mehr als ihre Partei. "Mein Mitgliedsbeitrag darf nicht in Petrys Hände gelangen", sagt Patricia Casale, einst Mitglied im AfD-Bundesvorstand. Der Schläfermodus – also passiv Mitglied bleiben, bis sich die Lage ändert, komme für sie nicht infrage. Wenige Stunden nach der Wahl ist der Weckruf damit gespalten wie die AfD es zuvor war.

Kaum einer der etwa 50 Weckrufler in dem Restaurant will am Sonntag noch am Parteitag teilnehmen. Ein "Jetzt erst recht", ist hier nicht zu hören. Der Vereinsvorstand um die Europaabgeordnete Ulrike Trebesius hat sich geeinigt, für keinen der weiteren Vorstandsposten zu kandidieren und nicht auf Gesprächsangebote Petrys einzugehen. "Petry tut das Gegenteil von dem, was sie sagt", sagt Trebesius. Petry hätte gern den Lucke-Vertrauten Joachim Starbatty in ihrem Vorstand gehabt. Sie fragte ihn schon im Mai, sie warb in Essen den ganzen Tag um seine Bereitschaft. Am Ende fragte sie sogar in den Saal hinein, ob Starbatty kandidieren wolle, um ihren Willen zur Integration anderer Lager öffentlich unter Beweis zu stellen. Starbatty schwieg.