Die neu gewählte AfD-Vorsitzende Frauke Petry © Patrick Stollarz/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Petry, nach der Wahl des neuen AfD-Vorstands drängt sich der Eindruck auf, die Partei rücke politisch nach rechts. Was wollen Sie dagegen tun?

Frauke Petry: Im neu gewählten Vorstand sind konservative und liberale Vertreter. Fast alle sind bereits seit Gründung dabei, wie etwa der stellvertretende Sprecher Alexander Gauland und Beatrix von Storch. An den gesellschaftspolitischen Positionen der AfD nichts geändert. Wir werden zukünftig unsere europapolitischen Ziele deutlicher machen und noch entschiedener als bisher auf die EU-Reformen drängen, die wir seit 2013 im Wahlprogramm haben.

ZEIT ONLINE: NRW-Landeschef Marcus Pretzell hat auf dem Parteitag tosenden Applaus bekommen für seine Andeutung, die AfD sei nicht nur Euro-Partei, sondern auch eine Pegida-Partei und noch viel mehr. Was meint er mit dem Mehr?

Petry: Man hat mehrfach versucht, die AfD auf Euro oder Pegida zu verengen, dabei haben wir seit Gründung mehrere Themen bedient. So wie wir uns 2013 mit unserer Eurokritik positioniert haben, mussten wir uns zu Pegida positionieren, denn die Bürger auf der Straße erwarteten Antworten von Politikern. Aber auch zur Steuer-, Familien- und Energiepolitik haben wir uns positioniert. Selbst für Befürworter des Freihandelsabkommens TTIP ist in unserer Partei Platz, solange am Ende die Mehrheit zu einer Ablehnung zumindest dieses Abkommens steht.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich sogar in Dresden mit Pegida-Organisatoren zusammengesetzt…

Petry: Es war richtig, in der aufgeheizten Situation während der Pegida-Demonstrationen nicht nur übereinander, sondern auch miteinander zu sprechen. Wir haben uns mit Pegida nicht verbrüdert, aber festgestellt, dass Pegida Themen auf die Straße gebracht hat, um die wir uns kümmern müssen. Bürgerbewegungen auf der Straße müssen von allen demokratischen Parteien ernst genommen werden. Und dann muss man über ihre Anliegen streiten. Viele Bürger argumentieren undifferenziert, weil Parteien gerade über Asyl und Einwanderung zu wenig aufklären.

ZEIT ONLINE: Der abgewählte Parteichef Bernd Lucke bekam auf dem Essener Parteitag für seine Warnung, man dürfe Muslime nicht ausgrenzen, reichlich Buhrufe zu hören. Wie wollen Sie diese Stammtisch-AfD im Griff behalten?

Petry: Dieser unterschwellige Vorwurf Bernd Luckes an den Parteitag hat verständlich für Ärger gesorgt, weil dies sowieso nicht die Position der AfD ist. Er ignoriert zudem offenbar, dass das politische Verständnis des Islam im Konflikt mit demokratischen Staatsverfassungen steht.

ZEIT ONLINE: Redner auf dem Parteitag sprachen von einer Befreiung von Luckes Zensur, agitierten gegen Flüchtlinge oder beleidigten die Grünen als pädophile Gender-Faschisten. Wo ist die rote Linie in ihrer Partei, die sich stets vom Mainstream abheben will?

Petry: Unsere rote Linie ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung und hoffentlich das bald verabschiedete Grundsatzprogramm. Allerdings sind auf einem Parteitag Zuspitzungen nicht unüblich. Ich fand Herrn Gaulands Äußerung, dass wir keine roten Linien mehr haben, missverständlich. Er wandte sich damit aber gegen Diskussionsverbote. Wann immer Zuspitzungen passieren, geht Differenzierung verloren. Der neue Vorstand wird darauf achten müssen, dass das nicht ausufert. Mir ist das Problem bewusst, aber davor Angst zu haben, wäre falsch.

ZEIT ONLINE: Einer schlug am Mikrofon in Essen vor, mit dem Geld für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge lieber wichtigere Dinge zu finanzieren…

Petry: Solche Vergleiche sind immer grenzwertig. Dennoch sprechen sogar die Ministerpräsidenten der Länder von einem Tourismus minderjähriger Flüchtlinge. Man muss auch offen aussprechen, dass die Schleuser Menschenhandel betreiben. Versäumen es die demokratischen Kräfte, nach politischen Lösungen für diese brisanten Probleme zu suchen, werden extreme Parteien mit einfachen Wahrheiten aufwarten.

ZEIT ONLINE: Sucht nicht die EU bereits nach politischen Lösungen für das Schleuserproblem?

Petry: Die Zusammenarbeit zwischen den EU-Ländern bei der Asylpolitik ist mangelhaft. Die Dublin-Verträge werden nicht stringent eingehalten beziehungsweise wurden für Griechenland und Italien bereits aufgeweicht. Von der EU daher die Lösung für das Schleuserproblem zu erwarten, halte ich für unrealistisch.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie die AfD vom Front National abgrenzen?

Petry: Mit dieser Partei hat die AfD nichts gemeinsam. Schließlich steht die AfD für mehr Freiheit und Eigenverantwortung anstatt für mehr Staat und weitere Umverteilung.

ZEIT ONLINE: Wie stehen Sie zu dem Thüringer Landeschef Björn Höcke, der öffentlich in Zweifel zog, dass alle NPD-Mitglieder rechtsextrem sind? Wollen Sie die daraufhin eingeleitete Amtsenthebung weiterverfolgen?

Petry: Der neue Bundesvorstand wird darüber beraten. Das Verfahren hat aber, wenn keine neuen Vorwürfe hinzukommen, sowieso keine Erfolgsaussichten. Es würde uns auch nicht die Aufgabe abnehmen, herauszufinden, was Björn Höcke politisch will. Wir wollen diese Partei keinesfalls mehr nach rechts rücken, sondern den liberal-konservativen Kurs beibehalten.

ZEIT ONLINE: Wie kann man in einer Partei, die so emotional aufgeladen ist wie Ihre, überhaupt über Islam und Asyl diskutieren, ohne dass dies ausartet?

Petry: Solche Themen erregen nur Parteitage. Und die Debatten sehen nach außen hitziger aus, als sie sind. Der Programmprozess läuft viel ruhiger ab. Die Meinung jedes Mitglieds fließt dort in einen abschließenden Konsens ein. Am Ende entscheidet der Parteitag.

ZEIT ONLINE: Wo bleibt in der AfD die inhaltliche Debatte? Auf dem Parteitag in Essen wurde sie durch Anträge auf "Ende der Debatte" stets abgewürgt. Das war auch in Bremen schon so gewesen.

Petry: Essen war ein Wahlparteitag. Da sind drei Minuten Redezeit zu wenig, um programmatische Positionen auszuarbeiten. Der Bundesvorstand wird jetzt aber häufiger in Programmklausur gehen als bisher. Und wir diskutieren unser Programm in den Landesfachausschüssen. Bernd Lucke hat hier in der Vergangenheit offenbar mehrfach versucht, seine persönlichen Vorgaben prioritär durchzusetzen, selbst beim Thema Euro, wo unsere Währungsexperten durchaus anderer Meinung waren als er.

ZEIT ONLINE: Sie sprachen in Essen von der Mehrheitsfähigkeit der Partei. Was meinten Sie damit, geht es ums Regieren?

Petry: Ziel des Weckrufs von Bernd Lucke war nach eigenen Aussagen eine 6-bis-7-Prozent-Partei – als Mehrheitsbeschaffer für große Parteien. Wenn wir aber gesellschaftliche Änderungen bewirken wollen, kann das nur eine Zwischenstufe sein. Wir haben mehr Stimmenpotenzial. Unser Ziel muss die eigene Mehrheit sein.

ZEIT ONLINE: Wer wäre ein würdiger Koalitionspartner für die AfD?

Petry: Derzeit streben wir nicht nach Koalitionen. Wir müssen unser Profil als Oppositionspartei schärfen. Und wir brauchen mehr parlamentarische Erfahrung. Das braucht Zeit und wird noch einige Jahre dauern. Wir haben sicher viele Parallelen zur CDU, zugleich ist sie damit unser größter Konkurrent.

ZEIT ONLINE: Was wird nach der Abwahl Luckes aus der Parteireform, der in Bremen beschlossenen Satzung? Immerhin würden sie dadurch zu Jahresende zur alleinigen Vorsitzenden aufsteigen.

Petry: Die Bremer Satzung wird diverse Korrekturen benötigen: etwa die Möglichkeit zu starker Durchgriffsrechte der Parteispitze nach unten. Und die aktuelle Einfachspitze, die wir, so die Partei es möchte,  wieder zur Mehrfachspitze erweitern möchten.

ZEIT ONLINE: Lucke hat die Partei ins Europaparlament geführt, Sie wiederum stehen für die Wahlerfolge in den Ländern. Wie wollen Sie ab jetzt beide Bereiche stemmen?

Petry: Diese Teilung ist ein eher externer Eindruck. Ich habe mich nie nur als Landespolitiker wahrgenommen. Die europapolitische Profilierung ist bei Beatrix von Storch und Marcus Pretzell gut aufgehoben. Um diese Schnittstelle mache ich mir wenig Sorgen. Es geht jetzt vielmehr darum, die AfD als Ganzes zu befrieden und sie in weitere Landesparlamente zu bringen. Das ist Bundes- und Landesaufgabe zugleich.

AfD - Frauke Petry gewinnt gegen Bernd Lucke Der Machtkampf ist entschieden: Die Mitglieder der AfD haben Frauke Petry zur Ersten Vorsitzenden gewählt. Zuvor gab es eine lebhafte Debatte.