Zum Glück gibt es den Bundespräsidenten, diesen Joachim Gauck, der uns als Nation und als Volk immer wieder den Spiegel vorhält. Der uns ins Gedächtnis ruft, dass Freiheit keine leere Formel ist, sondern mit Inhalt gefüllt werden muss. Es ist dieser ehemalige Pastor aus Rostock, der daran erinnert, dass uns vor allem die Freiheit als Gesellschaft zusammenhält. Doch dass diese Freiheit mitnichten eine Selbstverständlichkeit ist, sondern verteidigt und immer wieder aufs Neue errungen und verdient werden muss. Und dass Freiheit letztlich Verantwortung bedeutet: für sich und für andere.

Derzeit drängt sich der ungute Eindruck auf, als blickten wir Deutschen inmitten der schweren Turbulenzen, die Europa und die Welt erschüttern, allzu selbstgefällig und selbstzufrieden auf uns. Als glaubten wir, fast alles richtig zu machen und anderen darum sagen zu können, wo es langgeht. Natürlich sind die Fehler und Versäumnisse der Griechen legendär, aber ihre Klage über den deutschen Lehr- und Zuchtmeister ist nicht grundlos.

Denn natürlich sind wir Deutschen keineswegs frei von Fehlern, Unzulänglichkeiten und Versäumnissen. Wohin man auch schaut, auch wir haben einen gewaltigen Erneuerungs- und Reformbedarf. Dazu zählen, um nur einige Herausforderungen zu nennen: die rasant wachsenden Flüchtlingszahlen, ein unbewältigtes demografisches Problem, das schwierige Verhältnis zum Putin-Staat, die infolge des NSA-Skandals schwer angeschlagene Partnerschaft mit Amerika, das wackelige Renten- und Krankenkassensystem, der in Teilen immer noch verkrustete Arbeitsmarkt, der Zusammenhalt der Eurozone sowie der Fortbestand der Europäischen Union insgesamt.

Unzulängliches Krisenmanagement

Die große Koalition, die Regierung-Merkel, hat sich einstweilen aufs Krisenmanagement verlegt. Das ist in dieser prekären Lage wichtig, aber auf Dauer unzulänglich. Denn zu viele Probleme werden nicht angepackt, sondern liegen gelassen. Ihre Lösung wird auf morgen oder übermorgen verschoben und künftigen Generationen aufgelastet. Das könnte sich schnell rächen.

Es fehlt im gegenwärtigen Chaos, in diesem Zustand gesellschaftlicher Verunsicherung, an Orientierung. Weder CDU/CSU noch SPD taugen als Wegweiser, sie haben dafür nicht die Kraft, nicht die Ideen, wahrscheinlich nicht einmal den Willen. Die Kanzlerin ist für diese Rolle ungeeignet und die SPD zu irrlichternd. Es war und ist der Bundespräsident, der in diese Lücke zu springen versucht. Ihm fehlt zwar die politische Macht. Doch können im richtigen Moment auch wohl gesetzte Worte den Wandel initiieren und fördern, indem sie das Bewusstsein für die Notwendigkeit gesellschaftlicher Erneuerung wecken und den dafür Verantwortlichen Beine machen.

Es war Joachim Gauck, der dazu aufrief, das deutsche Wirtschafts- und Sozialsystems weiter zu reformieren, denn die Bundesrepublik dürfe sich nicht "in einem Hafen der Seligen" wähnen. Er mahnte Europa zu mehr gemeinsamer Solidarität und Veränderungsbereitschaft und forderte Deutschland auf, angesichts der vielen brandgefährlichen Weltkrisen größere außenpolitische Verantwortung zu übernehmen. Gauck mahnte mehr Verständnis und Hilfe für Flüchtlinge an und nannte die Angriffe auf Asylunterkünfte zu Recht "widerwärtig" und "unerträglich". Und indirekt ergriff er soeben sogar Partei für die gleichgeschlechtliche Ehe, die etwa im Gegensatz zu Irland oder Amerika hierzulande noch immer nicht erlaubt ist.  

Kurz vor seinem Staatsbesuch in Irland sagte er der Irish Times, dass er sich auch für Deutschland eine Debatte wünsche, "in der bei den Menschen nicht das Gefühl überwiegt, dass ihnen mit der Gleichstellung anderer etwas genommen wird oder dies bedrohlich ist für die eigene Art zu leben". Das Verbindende der Gauck-Interventionen ist dabei stets der Freiheitsbegriff, die Idee eines modernen, sozialen Liberalismus, der sowohl Partei ergreift für die Selbstbestimmung und die Freiheit des Individuums als auch für Menschenwürde und Solidarität. Denn die Selbstentfaltung des Einzelnen steht nicht im Widerspruch zu seiner gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

Im Herbst wird der Bundespräsident aller Voraussicht nach zu einem Staatsbesuch in die Vereinigten Staaten von Amerika reisen, in jenes freiheitsliebende Land, das mit seiner brachialen globalen Überwachungspolitik nicht nur seine besten Freunde verprellt, sondern auch die westliche Wertegemeinschaft erschüttert. Es ist zu hoffen, dass Joachim Gauck auch in Washington die richtigen Worte finden wird.