Wenn an dem Sprichwort "viel Feind, viel Ehr" irgendetwas dran sein sollte, braucht der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sich spätestens seit diesem Wochenende keine Sorgen mehr um seine Ehre zu machen. Schon in den vergangenen Monaten war Schäuble in Griechenland zum bestgehassten Politiker außerhalb des Landes avanciert. Vor dem Referendum wurde er auf Plakaten für ein Oxi (Nein) als Blutsauger geschmäht.  

Das berüchtigte Grexit-Papier vom Wochenende hat nun offenbar seinen Ruf als guter Europäer endgültig ruiniert.

Besonders harte Worte fand Österreichs Kanzler Werner Faymann, der Schäuble vorwarf, sein Vorschlag für einen befristeten Grexit sei "entwürdigend". Linkspartei-Chef Bernd Riexinger nannte Schäuble einen "Totengräber Europas". Auch in weiten Teilen der SPD stieß das Grexit-Papier auf Ablehnung. Und namhafte Ökonomen wie Paul Krugman, Joseph E. Stiglitz und Jeffrey Sachs warfen der Bundesregierung vor, Griechenland demütigen zu wollen. "Griechenland mag inkompetent sein, aber die Führer der deutschen Regierung sind grausam", twitterte Sachs.

Aber ist diese Aufregung wirklich gerechtfertigt? Ging es auf dem Gipfel am Wochenende nicht genau darum, endgültig zu klären, ob Griechenland im Euro bleiben kann? Was ist also verwerflich daran, diese Alternative auch klar zu benennen? Auch der Vorwurf, Schäuble habe die Griechen auf diese Weise zu harten Konzessionen gezwungen, zieht so nicht. Denn selbst wenn der deutsche Finanzminister keinen Plan B vorgelegt hätte, war immer klar, dass es bei einem Scheitern der Gespräche kaum noch eine Alternative zum Grexit geben würde. 

Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hatte schließlich  in der vergangenen Woche deutlich gemacht: Ein Plan für ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone sei en détail ausgearbeitet.

Hinzukommt: Schäubles Vorschlag basierte immer auf der Annahme, dass die Griechen freiwillig vorübergehend aus dem Euro ausscheiden, diesen Weg also als die bessere Alternative für sich selbst erkennen.   

Sollte es dagegen, wie der griechische Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis glaubt, von Anfang an das Ziel des deutschen Finanzministers gewesen sein, Griechenland aus dem Euro zu drängen, so wäre Schäuble an diesem Wochenende kläglich gescheitert.

Glaubwürdige Drohkulisse

Denn seit dem Kompromiss vom Montagmorgen scheint ziemlich wahrscheinlich, dass die Griechen im Euro bleiben – auch wenn sie den Europäern dafür weit entgegenkommen müssen. Ob Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras damit wirklich die für sein Land vorteilhaftere Lösung gewählt hat, ist eine Debatte, die erst noch geführt werden müsste. Schließlich hatte Schäuble für den Fall eines Grexit auch eine Restrukturierung der Schulden in Aussicht gestellt, die möglicherweise umfangreicher ausgefallen wären als die jetzt geplanten Umschuldungen und Laufzeitverlängerungen. 

Leicht übersehen wird aber vor allem, dass sich nicht nur die deutsche Regierung für eine harte Linie gegenüber Griechenland ausgesprochen hat: Die Finnen, die bereits über einen Fixit nachgedacht haben sollen, die baltischen Staaten, in denen Mindestlohn und Rentenniveau unter dem griechischen liegen, die euroskeptischen Niederländer – sie alle mussten am Ende einem Pro-Euro-Kompromiss zustimmen. 

Vielleicht hat die deutsche Verhandlungsstrategie letztlich also erst eine Einigung ermöglicht, die auch die Griechenland-Kritiker im Euro-Raum mittragen konnten. In dieser Perspektive haben Schäuble und Merkel mit dem Grexit als glaubwürdiger Drohkulisse Europa nicht gespalten, sondern zusammengehalten.

Qualität vor Quantität

Richtig ist allerdings, dass das Verhalten der Bundesregierung an ein Tabu in der Euro-Debatte rührt. Dem Leitsatz, dass Europa immer stärker zusammenwachsen soll, und dem Grundprinzip, dass die Einführung des Euro irreversibel sein muss, setzt sie den Gedanken entgegen, dass Qualität wichtiger sein könnte als Quantität.

Sowohl Schäuble als auch Merkel sind der Meinung, dass dem Euro und Europa mit der Einhaltung von Regeln mehr gedient ist als mit einem Zusammenbleiben um jeden Preis. Als Anti-Europäer müssen sich die beiden deswegen nicht beschimpfen lassen. Denn auch sie wollen – anders als mancher Kritiker unterstellt – Europa nicht zertrümmern, sondern stärken und erhalten.

Griechenland - Vom Referendum bis zur Einigung