Angela Merkel vor dem nächsten EU-Gipfel © Sean Gallup/Getty Images

Angela Merkel galt bis zum Sonntag als mächtigste Frau Europas. In der Eurokrise wie auch in vielen anderen Fragen folgte die EU ihrem Kommando. Und das hieß: sparen, sparen und reformieren. In Spanien, Portugal, Irland und Zypern beugten sich die Regierungen diesem Diktat. Doch nun hat sich nicht nur die Linksregierung in Athen ihren Sparvorgaben widersetzt. Auch das griechische Volk hat sich mit klarer Mehrheit dagegen entschieden, auch wenn es damit in Kauf nimmt, dass das Land in ein noch tieferes Chaos stürzt.

Merkel wie die übrige Führungselite der Gemeinschaft werden an diesem Votum nicht vorbeikommen, ob sie wollen oder nicht. Alle ihre Warnungen haben nicht gefruchtet. Ihr Kalkül, dass sich die Griechen angesichts geschlossener Banken, einem drohenden Zusammenbruch der Wirtschaft und der bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit ihres Landes für das von den Institutionen vorgeschlagene Sparprogramm und damit gegen ihre eigene Regierung entscheiden würden, haben nicht verfangen. Die Angst hat nicht gesiegt, sondern der Widerstandsgeist eines kleinen, aber "stolzen Volkes". So hat Merkel selbst die Griechen immer wieder genannt.

Die Kanzlerin steht nun vor einem schwierigen Dilemma, wohl einem der schwersten ihrer Kanzlerschaft: Lehnt sie weitere Zugeständnisse an Athen ab und nimmt sie den Grexit in Kauf, mit unabsehbaren Folgen nicht nur für Griechenland, sondern für die gesamte Eurozone? Oder durchbricht sie ihre bisherige eiserne Regel, dass es Hilfen für ein Schuldenland nur gegen harte Auflagen geben kann? Dass also Erleichterungen beim Schuldendienst für Griechenland vielleicht doch nicht ausgeschlossen sind.

Kurz erklärt - Was bedeutet Grexit? Schon seit 2009 wird in Politik und Medien vom Grexit gesprochen – dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Ein solches Szenario hat es noch nie gegeben – selbst Staatsrechtler sind sich über die juristischen Folgen eines Grexits uneinig.

Im ersteren Fall könnte Merkel die erste Kanzlerin sein, die zulässt, dass ein Stein aus dem europäischen Haus herausbricht. Und wer weiß, ob es nur bei einem (erzwungenen) Austritt Griechenlands aus der Eurozone bliebe, oder ob das Land am Ende auch die EU verlässt und sich unter der Linksregierung von Alexis Tsipras womöglich Richtung Moskau orientiert. Will und kann aber Merkel hinnehmen, dass Europa angesichts der russischen und anderen Bedrohungen einen tiefen Riss bekommt und dass vielleicht auch noch andere Länder folgen würden?

Immerhin ist Griechenland ein wichtiges Nato-Land an der südöstlichen Flanke der Gemeinschaft. Deshalb ist es auch den USA nicht egal, was dort passiert. Und Merkel kann es schon gar nicht egal sein, wenn das Land ins Chaos abgleitet und dort eine schwere humanitäre Not ausbrechen sollte.

Auf der anderen Seite würde Merkel bei einem weiteren Nachgeben gegenüber Athen riskieren, dass ihre bisherige Eurorettungspolitik als doch nicht alternativlos entlarvt würde. Das könnte die Linksbewegungen in Spanien und Portugal ermuntern, die sich bei den Parlamentswahlen im Herbst ebenfalls Hoffnungen machen, das Joch der Sparpolitik abzuschütteln. Und es würde zugleich die euroskeptischen Kräfte in der EU stärken, die weitere Hilfen für die Schuldenländer ablehnen – auch in ihrer eigenen Partei. Schon jetzt gehen erhebliche Teile der Unionsfraktion gegen weitere Hilfen an Athen auf die Barrikaden, bei noch mehr Zugeständnissen könnte daraus eine regelrechte Revolte erwachsen, die die notwendige Zustimmung im Bundestag gefährdet.  

Ein Kompromiss ist alternativlos

Merkel wird dies alles abwägen. Denn ihr innenpolitischer Rückhalt ist für sie genauso wichtig wie das Schicksal der EU und der Eurozone, und die Stimmung in der übrigen Gemeinschaft. Im Zweifel wird sie sich wohl für das kleinere der beiden Übel entscheiden: neue Verhandlungen mit der Regierung Tsipras. Merkel hat zuletzt immer wieder betont, dass der Kompromiss das Wesen der Gemeinschaft sei. Wenn Europa die Fähigkeit dazu verliere, dann sei es verloren. Das ist ihre eigene Maxime.

Merkel ist, anders als Helmut Kohl und andere frühere europäische Gestalter, keine Europäerin aus Leidenschaft, sondern aus Vernunft. Sie weiß, dass Deutschlands Wohl davon abhängt, dass es mit den anderen Ländern des Kontinents in Frieden lebt und mit ihnen wirtschaftlich kooperiert. Deshalb wird sie auch jetzt noch einen Kompromiss mit Griechenland suchen, fällt es auch noch so schwer, und auch wenn dazu wahrscheinlich ein weiterer Schuldenschnitt gehören wird. Dass Tsipras seinen in Europa so umstrittenen Finanzminister Yanis Varoufakis geopfert hat, kann als erstes Zugeständnis gewertet werden.

Merkel hat in den Tagen vor dem Griechenland-Referendum keine harten Worte Richtung Athen gebraucht, anders als etwa ihr Vizekanzler Sigmar Gabriel. Das schafft Raum für weitere Gespräche. Merkel wird sich, da bleibt sie sich treu, auch am Dienstag, wenn sie beim nächsten Euro-Sondergipfel erstmals wieder auf Tsipras trifft, Ruhe verordnen. Die vor allem braucht jetzt Europa nach den Aufregungen der letzten Tage und Wochen. Nur wenn jetzt alle einen kühlen Kopf bewahren, wird es am Ende vielleicht noch eine Einigung geben.