"Den Griechen" an sich gibt es doch gar nicht. © Cathal McNaughton/Reuters

Der baden-württembergische CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl ließ seinem Ärger freien Lauf: "Der Grieche hat jetzt lange genug genervt" – so kommentierte er vor laufenden Kameras am Montag das Ergebnis der monatelangen Verhandlungen zwischen Deutschland und Griechenland über einen Verbleib des bankrotten Landes im Euro.

Eine Äußerung, die am Dienstag auf Twitter zu heftigen Reaktionen führte. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir forderte einen "Ordnungsruf".

Nun ist Strobl sicher nicht der einzige deutsche Politiker, der für die vielen Volten und Wendungen der griechischen Politik am Ende kein Verständnis mehr aufbringen konnte. Auch darf man bei ihm eine besondere persönliche Betroffenheit unterstellen. Schließlich ist der in Griechenland als "Blutsauger" geschmähte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sein Schwiegervater.  

Trotzdem hat Strobl sich einen schweren verbalen Fehltritt geleistet. Dass der CDU-Vize ein ganzes Volk im Singular anspricht, erinnert an die Rhetorik aus Weltkriegszeiten und die Redeweise von Nationalisten und Rassisten.

Millionen unterschiedliche Menschen werden so zu einem einzigen Feind, der durch Stereotype beschrieben wird. Dass es in Griechenland ganz unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen politischen Ansichten gibt, wird ebenso weggewischt wie die Notlage, in der sich viele Griechen befinden und die schließlich der eigentliche Grund dafür ist, dass die Verhandlungen mit ihren politischen Vertretern sich so "nervig" gestalteten.

Nicht rummaulen

Strobl ist nicht der einzige Unionspolitiker, der sich in diesen Tagen im Ton vergreift. Kaum besser war, was Bundesvorstandsmitglied Herbert Reul, der für die Union im Europaparlament sitzt, und von dem man also ein gewisses Maß an Sensibilität hätte erwarten dürfen, zu Protokoll gab. "Es gibt in Europa noch andere Staaten, denen es wahrscheinlich noch schlechter geht, und die auch nicht jeden Tag rummaulen", sagte Reul.

In Griechenland ist schon jetzt ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos, Löhne und Renten wurden in den vergangenen Jahren massiv gekürzt, viele Griechen haben keine Krankenversicherung mehr, die Kinderarmut ist enorm gestiegen. Die nun geforderten Reformen werden zu weiteren harten Einschnitten führen. Vor diesem Hintergrund wäre von einem echten Europäer ein Wort der Anteilnahme sicher angemessener gewesen als die Klage über das angebliche "Rumgemaule".

Selbst diejenigen, die in der Union nun für ein drittes Hilfsprogramm werben, bedienen sich dabei einer Wortwahl, die verschleiert, was eigentlich passiert. Die Griechen müssten nun "ihre Hausaufgaben" machen, ist dabei ein besonders beliebter Satz, zuletzt erneut vorgetragen von Unionsfraktionschef Volker Kauder. Ganz abgesehen von dem arrogant-schulmeisterlichen Ton: Kann man wirklich von Hausaufgaben reden, wenn man einem Land ein derart einschneidendes Reformpaket abverlangt?

"Pleite-" und "Schummel-Griechen"

Letztendlich verfallen die Politiker in dieselben sprachlichen Muster wie viele Medien. Stilbildend war dabei sicher die Bild-Zeitung, die in den vergangenen Jahren wahlweise von den "Pleite"- oder "Schummel-Griechen" schrieb, den früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis als "Griechen-Raffke" titulierte oder vor den "gierigen Griechen" warnte. Aber auch andere große Zeitungen, nicht nur der Boulevard, bedienen entsprechende Ressentiments.

Das Grundprinzip ist dabei immer das gleiche, wie die Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz schon 2010 kritisierten: Eingenommen wird in erster Linie die Perspektive des deutschen Steuerzahlers. Differenzierung, Einordnung und Hintergrund entfallen.

Wenn es in Europa gedeihlich weitergehen soll, werden Politiker und Medien künftig wohl mehr auf ihre Sprache achten müssen, übrigens nicht nur in Deutschland. Dass die griechische Regierung nervt, kann man ja durchaus sagen. "Den Griechen" an sich gibt es aber nicht. 

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