In der Debatte um die deutsche Kolonialpolitik in Afrika hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die Massaker an den Herero als Genozid bezeichnet. In einem Beitrag für die ZEIT nennt er den Vernichtungskrieg gegen die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, einen "Völkermord". 

Wer vom Genozid an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich spreche, der müsse auch die Verbrechen des deutschen Militärs im Jahrzehnt davor beim Namen nennen. "An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstands ein Völkermord." Der Krieg der Deutschen sei ein "Rassekrieg" gewesen, schreibt Lammert. "Nicht nur den Kampfhandlungen, sondern auch Krankheiten und dem gezielten Morden durch Verdursten- und Verhungernlassen fielen Zehntausende Herero und Nama zum Opfer, andere starben in Konzentrationslagern oder bei der Zwangsarbeit."

Zur Debatte um den Völkermord an den Armeniern sagte Lammert, dass "die heutige türkische Regierung nicht verantwortlich für das ist, was vor 100 Jahren geschehen ist". Dasselbe gelte auch für Deutschland. "Aber wie die Türken tragen auch wir Verantwortung dafür, wie wir mit dieser Geschichte umgehen."

Am 9. Juli 1915 endete nach 31 Jahren die Herrschaft der Deutschen über Namibia. Zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der Kolonie Deutsch-Südwestafrika gehört das Massaker an Zehntausenden Herero und Nama zwischen 1904 und 1908. Das Gedenken an den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich Ende April dieses Jahres hatte die Debatte über das Verhalten der Deutschen in Namibia neu entfacht.

Aktivisten und Politiker fordern seit Langem eine Anerkennung der Massaker als Genozid. Das Bündnis "Völkermord verjährt nicht!" hatte dazu am Montag einen Appell mit Unterschriften an das Bundespräsidialamt übergeben. Darin wird die Bundesregierung aufgerufen, die damaligen Untaten offiziell als Völkermord anzuerkennen. Dem Bündnis gehören Menschenrechtler und Opferverbände an. Zu den Unterzeichnern der Forderung zählen dem Bündnis zufolge die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), Claudia Roth (Grüne) sowie der Linken-Politiker Gregor Gysi. Die Vertreterin des Nama-Komitees, Ida Hoffmann, zeigte sich enttäuscht, dass die Aktivisten nicht von Bundespräsident Joachim Gauck persönlich empfangen worden seien.

Namibia - Herero-Frauen tragen Tracht