Das waren noch Zeiten, als Robert Habeck 2003 gegen den Irakkrieg demonstrierte: 33 Jahre jung, Neumitglied bei den Grünen, frisch promovierter Philosoph, gerade tätig als Romanautor. Und natürlich trieb ihn die Wut gegen den US-Präsidenten George W. Bush auf Straße. "Auf meinem Schild stand: Kein Blut für Öl. Heute frage ich mich: War das richtig? War das wirklich der Kriegsgrund?" 

Habeck wendet sich zu seinem Diskussionspartner Joschka Fischer, der zu besagtem Zeitpunkt deutscher Außenminister war. Der grüne Guru wiegt den Kopf in seiner ihm eigenen Art und antwortet: "Aus meiner Sicht hat die Energie kaum eine Rolle beim Irakkrieg gespielt." Bush Junior sei natürlich von ideologischen Motiven im Kampf gegen den Terror getrieben gewesen. "Aber es war dennoch richtig zu demonstrieren", sagt Fischer väterlich-versöhnlich. 

Es ist ein interessantes Paar, das da am Freitagabend in der Kunsthalle Kiel auftritt – mehr als zwölf Jahre nach der Szene mit dem Irak-Plakat: Habeck ist inzwischen Umwelt- und Energieminister der Grünen in Schleswig-Holstein und stellvertretender Ministerpräsident. Außerdem will er Spitzenkandidat seiner Partei zur Bundestagswahl 2017 werden. Mit seiner frühen Ankündigung hat er in Berlin einige Eruptionen ausgelöst: Die Parteiführung dachte nämlich, sie könnte die männlich-weibliche Wahlkampf-Doppelspitze in Ruhe unter sich ausloten.

Joschka Fischer wiederum hat sich seit der Abwahl der Grünen 2005 aus der Bundesregierung nicht mehr parteipolitisch geäußert. Er tritt ausschließlich als Elder Statesman auf. Deswegen hat Habeck, wie er betont, Fischer schon vor einem Jahr nach Kiel eingeladen, um ein wenig über sein Lieblingsthema "Energieaußenpolitik" zu diskutieren. Energieminister und Philosoph Habeck denkt gerne groß, aktuell treibt ihn eine noch größere Frage um: Können erneuerbare Energien nicht ein wenig zum Weltfrieden beitragen? 

Das klingt abgefahrener, als es ist. Schließlich, darauf verweist der Gast Fischer in seinem Eingangsvortrag, wird seit Langem um Energieressourcen gekämpft, Öl, Atom, Gas – sie alle sind mitverantwortlich für Konflikte, wie aktuell mit dem Iran oder eben mit Russland. Und mit steigender Weltbevölkerung und wachsendem Wohlstand in den Entwicklungsländern mehrt sich das Konfliktpotenzial. Was, wenn bald noch mehr Staaten Uran anreichern wollen, fragt Fischer in seinem Vortrag. Wind- und Solarstrom sowie Wasserkraft hingegen sind aus dieser Sicht harmlose Energieträger: Sie lassen sich dezentral und an vielerlei Orten gewinnen, man muss also nicht darum kämpfen und anders als wie beim Uran kann man mit Sonne und Wind keine Atombomben bauen. 

Habeck lauscht mit ehrfürchtiger Miene

Habeck lauscht dem Vortrag des ehemaligen Außenministers mit ehrfürchtiger Miene. Wegen seiner Spitzenkandidatur-Ambitionen hat der Promi-Besuch neue Bedeutung bekommen. Normalerweise mag Habeck den flapsigen, unangepassten Auftritt, heute hat er sichtbar Respekt vor seinem Gast. Das merkt man auch in der Anschlussdiskussion, wobei Diskussion das falsche Wort ist, weil der Minister mehr fragt wie ein Schüler und seinen Lehrer Fischer reden lässt. Es ist auch so nicht einfach mit dem obersten Realpolitiker, denn der widerspricht seinem potenziellen Nachfolger freundlich, aber regelmäßig. 

Warum die Energiewende dank ihrer potenziell friedensstiftenden Wirkung nicht mehr als Instrument der Außenpolitik bedacht werde, will Habeck vom ehemaligen Chef-Diplomaten wissen. So habe Spanien wegen der Eurokrise und den Sparauflagen seine Solarförderung kappen müssen. Warum müsse das Land gerade an diesem Projekt sparen, das doch förderlich für ganz Europa sein könne? 

Fischer guckt verständnislos. "Politik dauert eben ihre Zeit. Nicht jeden Esel kannst du sofort zum Rennpferd machen." Habeck will nicht aufgeben, hakt nach: Energiewende nach Bagdad, Energieautarkie des Westens von Russland – warum das nicht alles schon längst verstärkt auf der Agenda sei, der Grüne aus dem Norden ist eben Visionär: "Was machen denn die Außenpolitiker den ganzen Tag?", fragt Habeck schließlich in alter Flapsigkeit. "Na, die haben mit dem IS zu tun", lautet die trockene Antwort Fischers. Er ist und bleibt Realpolitiker.