Theo Sommer, 84, war von 1972 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT, danach ihr Herausgeber bis zum Jahr 2000. © Jakob Börner

Deutschland ist ein Einwanderungsland – als ich dies vor einem Vierteljahrhundert in einem ZEIT-Leitartikel schrieb, schlug mir eine Welle des Unverständnisses, der Missbilligung und der Empörung entgegen.

Jetzt stellt die Forschungsabteilung der Deutschen Bank diesen einst so umstrittenen Satz einer Studie Zielgruppe Zuwanderer voran. Es wird keine Welle der Empörung mehr geben. Inzwischen leugnen die Deutschen nicht länger, dass wir ein Einwanderungsland sind, ja: dass wir angesichts der unaufhaltsamen demographischen Schrumpfung unseres Volkes Einwanderer brauchen, wenn wir unseren Wohlstand, unseren Lebensstandard und unser politisches Gewicht in die Zukunft retten wollen.

Den Autoren der Studie – Nicolaus Heinen, Timo Alberts und Lea Bitter – geht es in erster Linie um den Wirtschaftsfaktor. Die Kreditinstitute haben sie als besondere Kundenzielgruppe entdeckt. "Welche Rolle spielen Migrationshintergrund und Risikoverhalten in der Geldanlage?", lautet die Ausgangsfrage der Banker. Ehe sie darauf jedoch die eher banktechnische Antwort geben, geben sie einen Überblick über die Einwanderungsszene, wie er besser und präziser schwer zu finden ist. Die von den Verfassern dargelegten Fakten und Zahlen sollte jeder im Kopf haben, der sich an der Diskussion beteiligt. Zunächst einmal die Begriffsklärung: Ausländer sind Einwohner mit fremder Staatsangehörigkeit. Ein Migrant ist selber zugewandert, unabhängig von Staatsangehörigkeit und Migrationsgrund; als Bürger mit Migrationshintergrund gelten alle seit 1950 Zugewanderten, die hier geborenen Ausländer und sämtliche Bürger, bei denen mindestens ein Elternteil Migrant ist.

Ein Fünftel mit Migrationshintergrund

Nun die Fakten. Erstens: Mittlerweile haben 16,5 Millionen Bürger Deutschlands einen Migrationshintergrund; das ist ein Fünftel der Bevölkerung. Zwei Drittel von ihnen sind selber eingewandert, ein Drittel ist in zweiter Generation in Zuwandererfamilien geboren. Ohne Migrationshintergrund sind 79 Prozent der Einwohner.

Zweitens: 2013 zogen 1,2 Millionen Menschen in die Bundesrepublik (nur die USA nahmen mehr auf). 2014 kamen 522.000 Menschen mehr zu uns, als auswanderten. 64 Prozent stammen aus der EU; aus ganz Europa vier von fünf; 5,2 Prozent aus Nord- und Lateinamerika, Australien und Ozeanien, fünf Prozent aus Afrika.

Drittens: Das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund liegt bei knapp 47 Jahren. Migranten sind im Durchschnitt jünger: 33 Jahre. Zuwanderer aus der EU-28 sind bei der Einreise noch keine 24 Jahre alt. Aus der Türkei und Russland 23 Jahre. Von den Zuwanderern aus der EU, die schon länger bei uns leben – Durchschnittsalter 39 Jahre – haben 13 Prozent einen Universitäts- oder Hochschulabschluss – ebenso viele wie unter gebürtigen Deutschen. Nur 13 Prozent haben ein monatliches Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro; hingegen haben 22 Prozent mehr als 3.200 Euro zur Verfügung.

Viertens: 23,1 Prozent aller Personen, die in den letzten dreieinhalb Jahren ein Unternehmen gegründet haben, sind Migranten. Die Studie stellt fest: "Bei Produktinnovation, Alter der Produktionstechnologie sowie dem Produktionsverfahren sind diese Gründer auf dem gleichen Stand wie die Deutschen."

Fünftens: Migranten sind ein entscheidender Wachstumsfaktor. Sie tragen etwa ein Fünftel zum Wirtschaftswachstum bei. Ohne Zuwanderung wäre das Bruttoinlandsprodukt 2013 geschrumpft, anstatt um 0,4 Prozent zu wachsen.

Viele Zahlen, Pardon. Aber sie sind aufschlussreich. Sie zeigen: Von "Umvolkung" kann keine Rede sein. Und sie rechtfertigen das Resümee der Forscher von der Deutschen Bank: "Bei allen Unterschieden zwischen den Gruppen kann festgehalten werden, dass Migranten die Alters- und Bevölkerungsstruktur des Landes zukunftsfester machen. Sie mildern die Auswirkungen des demografischen Wandels sowie des Mangels an Fachkräften ab, der spätestens ab 2030 über ein gemindertes Erwerbspersonenpotenzial zum Wachstumshemmschuh für Deutschland wird."

Einfacher ausgedrückt, noch einmal: Wir brauchen sie.

Kurz erklärt - Wohin es die meisten Migranten zieht