Der US-Botschafter in Deutschland, John B. Emerson, ist nach den neuen Enthüllungen über NSA-Spähaktionen ins Kanzleramt einbestellt worden. Er soll dort den Protest der Bundesregierung entgegennehmen. 

Entsprechende Berichte bestätigten Regierungskreise. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte zuvor berichtet, Emerson sei von Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) zu einem "umgehenden Gespräch" gebeten worden.

Dem Bericht zufolge wollte Altmaier von Emerson Aufklärung über abgehörte Gespräche von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Mitarbeitern des Kanzleramts erhalten.  

Zuvor waren über die Enthüllungsplattform WikiLeaks neue Dokumente bekannt geworden, aus denen hervorgeht, dass der US-Geheimdienst deutsche Regierungsmitglieder und deren Mitarbeiter abschöpfte. Demnach soll die NSA 69 Telefonnummern der Bundesregierung ausgespäht haben, teilweise gemeinsam mit britischen Diensten.  

Der Sprecher des US-Außenministeriums, John Kirby, erklärte, dass die Vereinigten Staaten die Berichte nicht im Detail kommentieren würden. Die amerikanischen Geheimdienste würden im Ausland aber nur bei "spezifischen und gültigen Zwecken der nationalen Sicherheit" Überwachungsaktivitäten ausführen. "Das gilt für einfache Bürger und internationale Spitzenpolitiker gleichermaßen", sagte Kirby. Der Außenamtssprecher hob die "lange und sehr produktive Freundschaft" zwischen den USA und Deutschland hervor, die auf gemeinsamen Werten und Interessen beruhe. "Daran wird sich nichts ändern", sagte er.

Zuvor hatte es aus US-Regierungskreisen geheißen, dass "derartige Anschuldigungen" bereits in der Vergangenheit kommentiert worden seien und diese Erklärungen weiter Gültigkeit hätten. "Zugleich bekräftigen wir unsere starke bilaterale Beziehung mit Deutschland", sagte ein ranghoher Regierungsvertreter in Washington.

Die Enthüllungen sind  auch Thema im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Mehrere Mitglieder riefen Kanzlerin Angela Merkel zum Handeln auf. "Es wird jetzt dringend nötig sein, dass sich die Bundeskanzlerin aus der Deckung begibt", sagte der SPD-Obmann im Ausschuss, Christian Flisek. Die Obfrau der Linken, Martina Renner, forderte von der Bundesregierung, "endlich die Katzbuckelei" vor der US-Regierung zu beenden." Der Ausschussvorsitzende Patrick Sensburg (CDU) sah die Amerikaner "erheblich unter Erklärungsnot".

Der Ausschuss befragte am Donnerstag den Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, Günter Heiß, zu der Spionage. Nach den Veröffentlichungen über das mögliche Abhören von Merkels Handy im Jahr 2013 habe es den Verdacht auf US-Spionage gegen die Bundesregierung gegeben, sagte er. Konkrete Hinweise hätten ihm aber nicht vorgelegen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) warf den US-Geheimdiensten in der Bild-Zeitung vor, "Maß und Mitte" verloren zu haben. Vor Wochen hatte sich gezeigt, dass die NSA auch gezielt Wirtschaftsspionage gegen europäische Partner betrieben hatte. Der deutsche Bundesnachrichtendienst muss sich des Vorwurfs erwehren, dabei geholfen zu haben.