Philipp Mißfelder war eines der größten Politikertalente in der Generation Kohl. So nennen Soziologen jene Westdeutschen, die ihre komplette Kindheit unter dem Langzeitkanzler verlebt haben. Für Philipp Mißfelder, Jahrgang 1979, war Kohl dabei besonders prägend. Mißfelder war knapp drei Jahre alt, als Kohl den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt in Bonn ablöste. Er stand kurz vor dem Abitur, als Kohl 16 Jahre später abgewählt wurde. Mißfelder war allerdings kein typischer Vertreter dieser Generation, in der viele Kohl als peinlich und Politik als langweilig erlebten. Mißfelder war ein glühender Kohl-Fan, ein regelrechter Politikfreak.

Was ihn an Kohl faszinierte? Möglicherweise dessen großer Wille zur Macht. Mißfelder selbst stand nie für eine bestimmte politische Position, für Inhalte. Viele sahen in ihm nur den Karrieristen, den Streber, den Machtpolitiker. Er selbst war stets der Erste, der das bestätigte, der sich freimütig dazu bekannte, dass er vor allem Einfluss wollte. Er sah darin nichts Schlechtes. Es ist ja, aus dem Inneren des politischen Betriebes betrachtet, nur konsequent.

Konsequent war Mißfelder auch darin, seinem Beruf alles andere unterzuordnen. Er war ein Profi, er wusste, dass Politik Koalitionen kennt, aber sich niemand auf Freundschaften verlassen kann. Er verstand mehr vom Geschäft als so mancher, der 20 Jahre im Bundestag sitzt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte man ihn anrufen, ihn um einen Kommentar bitten. Der Politiker Philipp Mißfelder war immer erreichbar.

Dank seines Fleißes machte er schnell Karriere. Mit 14 war er der Schüler Union beigetreten, mit 19 wurde er ihr Bundesvorsitzender. Im gleichen Jahr, Kohls Abwahljahr 1998, zog er in den Vorstand der Jungen Union (JU) ein – einer Organisation, die allein mehr Mitglieder hat als die Grünen oder die FDP. Seit Oktober 2002 war er ihr Bundesvorsitzender.

Mißfelder war in der JU ungewöhnlich mächtig. Ein Netzwerker und Vieltelefonierer, seinem Vorbild Kohl sehr ähnlich. Einer, der seine Partei haargenau kannte, der beobachtete, die Schwächen seiner potenziellen Konkurrenten analysierte und im Zweifel nutzte. Alle heutigen oder angehenden Spitzenpolitiker der Union, die Spahns, Klöckners, Webers, mussten sich mit Mißfelder arrangieren. Gegen ihn war es schwer bis unmöglich, Karriere zu machen. Wer in den Nullerjahren die Deutschlandtage der Jungen Union besuchte, spürte in fast jedem Gespräch den Respekt, ja auch die Angst, die fast alle im bürgerlichen Parteinachwuchs vor Mißfelder hatten.

Er machte den Nachwuchs mächtiger – und langweiliger

Wer sich mit ihm traf, der konnte einen unterhaltsamen Politiker kennenlernen, einen angenehmen, offenen Menschen, der Witz und Selbstironie hatte, der sich nicht ständig in den Vordergrund spielen musste. Der aber auch bedrohlich knurren konnte, wenn ihn jemand aus der CDU oder der JU nervte.

In seiner Ära modernisierte er die Junge Union, machte den Nachwuchs mächtiger – und langweiliger. Die JU war weniger kritisch gegenüber der Führung der CDU. Anders als die JU-Kohorte vor ihm, die sich links von der Kohlschen Mutterpartei abzugrenzen versucht hatte, machte die Generation Mißfelder die JU wieder konservativer. Dementsprechend war das größte innerparteiliche Feindbild in Mißfelders JU-Generation Ursula von der Leyen, diese emanzipierte Ministerin, die der alten Macho- und Hausfrauenpartei erklären wollte, wie das mit der Kindererziehung besser funktioniert. Die Helden der Mißfelder-JU hießen hingegen Friedrich Merz und Roland Koch. Den neuen mächtigen Frauen an der Spitze gefiel das weniger gut, sie fremdelten ihrerseits mit der neokonservativen Parteijugend.