Wohl auch deshalb schaffte Mißfelder den Sprung in die Führung der Partei nicht. Im Dezember 2008 wurde er in das Bundespräsidium gewählt, das oberste Gremium der CDU. Er war das bislang jüngste Mitglied dort, und er war gar gegen den Willen Merkels als Kandidat aufgestellt worden. Doch dann tat er Dinge, die ihm in seiner Partei übel genommen wurden.

Im Mai 2009 brachte Der Spiegel einen großen Artikel über ihn. Der Text mit dem Titel Der Schattenmann zeichnete einen Getriebenen, einen zutiefst verunsicherten Mißfelder, der um Aufmerksamkeit buhlt und der gleichzeitig wenig schmeichelhafte Dinge über seine Politikerkollegen sagt, allen voran über Merkel. Acht Seiten über ihn im Spiegel – Mißfelder hatte auf Aufmerksamkeit gehofft, die Währung der Politik. Hinterher fühlte er sich verraten. Dieser Text veränderte ihn: So offen und unbeschwert wie bis dahin trat er künftig nicht mehr im Umgang mit Journalisten auf.

Zu alt für die JU

Anders als zu Kohl hatte er zu Merkel ein ambivalentes Verhältnis – er suchte ständig ihre Nähe, ihre Aufmerksamkeit, aber er liebte sie, diese kinderlose ostdeutsche Protestantin, keineswegs. Immer wieder kritisierte er die Kanzlerin, beklagte sich auch öffentlich über ihre Profillosigkeit, mahnte vor dem aufgeweichten Konservatismus der Union im Post-Kohl-Zeitalter. 2007 gründete er im Café Einstein Unter den Linden mit anderen den sogenannten Einstein-Pakt mit, der für eine konservativere Politik in der Union sorgen wollte. Merkel aber wusste spätestens seit jenem Text im Spiegel, woran sie bei Mißfelder war. In der Union litt sein Ruf.

Im Jahr 2014 dann verlor er auch noch seine Machtbasis. Weil er mit 35 laut Satzung zu alt geworden war, um noch Mitglied in der Jungen Union zu sein, musste er sein Amt aufgeben. Entmachtet hätten ihn seine jugendlichen Parteifreunde wohl nicht so schnell.

Trotz seiner ständigen Provokationen. Denn Mißfelder wollte zwar Karriere machen, glatt jedoch war er nicht. Er hatte eine Haltung und machte aus ihr zumindest dann keinen Hehl, wenn sie ihm nicht zu sehr schadete. Unvergessen beispielsweise seine radikale Hüftgelenk-Forderung: Künstliche Hüftgelenke für sehr alte Menschen sollten nicht mehr auf Kosten der Solidargemeinschaft finanziert werden, sagte Mißfelder 2003 in einem Interview. Obwohl die Presse, die anderen Parteien und auch die halbe CDU damals schäumte, überstand Mißfelder die Aufregung nicht nur, der kleine Skandal vergrößerte sogar seine Machtbasis: Künftig stimmte er seine Forderungen eng mit der Senioren Union ab – und machte sich so zum Sprecher der halben Parteibasis.

Abstieg nach NRW

Nach der JU-Zeit zerfiel dieses Machtfundament allerdings schnell. Viel sollte Mißfelder politisch hinterher nicht mehr glücken. Sein Amt als USA-Beauftragter der Bundesregierung gab er nach wenigen Monaten wieder auf. Stattdessen wollte er sich stärker um seinen nordrhein-westfälischen Landesverband kümmern, wo er sich zum Schatzmeister wählen ließ, was viele in Berlin als Abstieg wahrnahmen.

Viel Ärger in der Union und Misskredit in der Öffentlichkeit brachte Mißfelder kurz darauf seine Teilnahme an Putins Geburtstagsparty in St. Petersburg ein. Die Union konnte sich nicht mehr über den Putin-Freund Gerhard Schröder mokieren, da sie nun einen in den eigenen Reihen hatten. Dass er, das große, junge Talent der CDU, 2030 Bundeskanzler werden würde, wie früher oft und gern spekuliert wurde, war da schon länger nicht mehr realistisch.

Möglicherweise hat er sich nie Illusionen über eine lebenslange Karriere in der Bundespolitik gemacht. Im Durchschnitt bleiben die Abgeordneten zwei Wahlperioden im Bundestag. Mißfelder schaffte drei. "Das Bundestagsmandat ist auf Zeit und nicht zu verwechseln mit einem Beruf", sagte er mal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Philipp Mißfelder hätte noch viel Zeit für eine zweite Karriere gehabt. Er wäre im August 36 Jahre alt geworden. Er starb in der Nacht zum Montag an einer Lungenembolie.