Die Sommerferienzeit verhilft bekanntlich so mancher beknackten Idee zur Konjunktur. Eine kommt nun aus dem hohen Norden: Die SPD soll 2017 auf ihren Kanzlerkandidaten verzichten. Hat sie in Merkel-Zeiten doch sowieso keine Chance, den Regierungschef zu stellen. Das fordert nicht der schneidige CSU-Generalsekretär Andi Scheuer und auch nicht die treue Christdemokratin Julia Klöckner. Nein, dieser Gedanke kommt, das macht ihn besonders skurril, von einem SPD-Politiker. 

Es ist Torsten Albig, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident, der für – sagen wir: ungewöhnliche – Vorstöße bekannt ist. Albig leidet unter einem gewissen Profilierungsdrang, zuletzt forderte er einen Schlagloch-Soli von 100 Euro pro Person. Die Idee kursierte ein paar Stunden und verschwand dann wieder. Dem ehemaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück riet Albig 2013, sich die Kandidatur "lieber nicht anzutun". Damit immerhin sollte er Recht behalten.

Wahlkampfgrauen 2017

Mit seiner jüngsten Äußerung bezieht sich Albig nun auf die Resignation in seiner Partei. Viele Genossen sehen für 2017 kaum Chancen, aus dem 25-Prozentturm herauszuklettern. Doch der Schleswig-Holsteiner Sozialdemokrat geht noch einen Schritt weiter. Die CDU-Kanzlerin Angela Merkel mache ihre Arbeit "ganz ausgezeichnet", so Albig. Deshalb bliebe die Möglichkeit, dass die SPD für 2017 einfach nur einen "Spitzenkandidaten" benennt, also einen, der die Partei in die Wahl führt, ohne den Anspruch Kanzler zu werden.   

In der SPD befürchten sie nun Selbstverzwergung und machen klar: Dies ist eine Minderheitenposition. Ein solch jämmerliches Vorgehen würde die Partei fraglos sogar unter 20 Prozent drücken. Doch Albig meint es durchaus ernst. Schon vor Monaten orakelte er, es werde wohl sehr schwer, gegen die CDU-Vorsitzende zu gewinnen. Begründung: Wenn der Deutsche im Allgemeinen sich den Kanzler malen würde, so käme in jedem Fall ein Merkel-Bild heraus.     

Mit seinem Vorstoß, den obersten SPD-Wahlkämpfer künftig nicht mehr Kanzlerkandidaten zu nennen, legt Albig neben seiner Profilierungssucht aber auch ein erschreckendes Demokratieverständnis an den Tag. Stellen wir uns vor, es ist Wahlkampf 2017. Die Union hat von zahlreichen Großgebäuden Plakate mit einer riesigen Merkel-Raute herabwehen lassen. Slogan: "Kanzlerin ohne Konkurrenz". Untertitel: "Sie kennen mich. Alle." Die Genossen hingegen plakatieren: "Wir in der SPD bitten Sie um Ihre Stimme, um der ausgezeichneten Merkel ein gewichtiger Partner sein zu können."

Inhaltliche Unterschiede zwischen Union und SPD würden in einem solchen Wahlkampf nur im Detail aufgemacht, Arbeitsgruppen der verschiedenen Parteien werkelten heimlich bereits an möglichen Koalitionskompromissen. Am Ende dieses alternativlosen Szenarios käme die Union auf geschätzte 45 Prozent und wählte sich unter den andienenden Partnern denjenigen, der ihr am wenigsten wehtut.

Fast wünscht man sich Westerwelle zurück

Aber bedeutet Demokratie nicht, dass Macht regelmäßig infrage gestellt wird? Dass Politiker den Anspruch haben, etwas zu verändern, auch wenn es aussichtslos erscheint? Dass bei der Wahl eines neuen Regierungschefs zumindest zwei Kandidaten antreten, die sich die Aufgabe zutrauen?

Albigs Idee, den Begriff Spitzenkandidat statt Kanzlerkandidat zu verwenden, ist insofern beunruhigend, als sie der wachsenden Gleichgültigkeit und Schicksalsergebenheit in der deutschen Politik das Wort redet. Ja, Merkel ist eine starke Regierungschefin. Aber sie ist nicht alternativlos.

Fast wünscht man sich die Zeiten zurück, in denen der junge Guido Westerwelle den Anspruch erhob, selbst Kanzler zu werden und mit den beiden anderen Kandidaten ein TV-Duell auf Augenhöhe zu führen. Damals stand die FDP bei sieben Prozent. Klar war es ein schriller PR-Gag. Aber immerhin einer, der die Machtverhältnisse infrage stellte.