ZEIT ONLINE: Welche Rolle hat der verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr bei der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Ende des Kalten Krieges gespielt?

Alexander Watlin: Obwohl er 1989 nicht mehr in der Politik aktiv war, genoss Egon Bahr noch immer eine enorme moralische Autorität in Moskau. In dem Sinne kann man ihn lediglich mit Henry Kissinger vergleichen. Bahr war bestens vertraut mit der Politik der damaligen Sowjetunion, und er war sich bewusst, dass sich eine einzigartige Möglichkeit ergab, Deutschland nicht durch ''Blut und Eisen'' wiederzuvereinen, sondern mit der Zustimmung aller beteiligten Parteien. Zugleich wurde er nicht müde zu betonen und die Bundesregierung zu beschwören, diese Chance auch für ein Ende des Kalten Krieges zu nutzen, und zwar ein Ende, das beiden Seiten ihre Würde ließ. Es sollte nicht den Anschein haben, als ob die Sowjetunion verloren hätte und nun die Zeche bezahlen müsste. Ganz im Gegenteil sollten Russland und die anderen ehemaligen Staaten der Sowjetunion in eine neue Architektur der gesamteuropäischen Sicherheit eingebaut werden.

ZEIT ONLINE: Hat die Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr das Ende der europäischen Teilung und des Blockdenkens vorbereitet?

Watlin: Ohne die neue Ostpolitik hätte es keine Entspannung gegeben. Und ohne Entspannung hätte es das "neue Denken" nicht gegeben, mit dem Michail Gorbatschow die Bühne der Weltpolitik betrat. Brandt und Bahr haben nachgewiesen, dass ihre Losung "Wandel durch Annäherung" nicht einfach nur Worte waren. Beide Seiten konnten den Abgrund überwinden, der während des Zweiten Weltkriegs entstanden war. Die Bundesrepublik und die Sowjetunion, Länder mit völlig verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systemen, entwickelten so schon in den 1970er Jahren so eine Art besondere Beziehung zueinander. Die damals gelegte Grundlage besteht bis heutzutage – trotz all der Konflikte der nachfolgenden Jahrzehnte.

ZEIT ONLINE: Welches Bild von Egon Bahr wird in Russland im Gedächtnis bleiben?

Watlin: Egon Bahr hat sich Russland sehr eingeprägt. Nicht nur für Historiker, die sich mit der Außenpolitik beschäftigen, spielt er eine bedeutende Rolle. Wie kein anderer deutscher Politiker verfügte er über einen klaren Sinn für Russland und dessen besondere Geschichte, und er rief den Westen bis zuletzt auf, sich nicht wieder auf den Kurs der Konfrontation zu begeben. Sein Erbe verpflichtet dazu, die deutsch-russischen Beziehungen in der heutigen Etappe nicht einzufrieren. Die Krise, die durch die Ereignisse in der Ukraine verursacht wurde, hat er als eine Gefahr für die europäische Sicherheit betrachtet, aber er weigerte sich, die Schuld nur Russland in die Schuhe zu schieben. Diese weise, ausgewogene Herangehensweise ist das Unterscheidungsmerkmal des Diplomaten und Denkers Egon Bahr.

ZEIT ONLINE: Im Juli sagte Bahr: "Russland muss seinen eigenen Weg finden. Es muss sich nach seinen Traditionen entwickeln. Demokratie gehört nicht dazu." Würden Sie der Aussage zustimmen?

Watlin: Soweit ich mich erinnern kann, hat Bahr nicht gesagt, dass Russland nicht demokratisch veranlagt ist. Er betonte aber, dass es in unserem Land keine demokratische Tradition gibt und dass sich noch keine Zivilgesellschaft entwickelt hat, die dem allmächtigen Staat Widerstand leisten könnte. Aus diesem Grunde scheint es nicht konstruktiv, die Anpassung Russlands an demokratische Werte als eine unabdingbare Bedingung für Verhandlungen zu setzen. Den Weg zur Demokratie kann nur Russland alleine zurücklegen. Es kann dazu, im Sinne von Egon Bahr, nicht durch Isolierung, sondern durch eine Annäherung angeregt werden.

ZEIT ONLINE: "Wir sind Zeugen fundamentaler Gewichtsverschiebungen. Sie erfordern ein neues geostrategisches Denken", sagt Bahr in seinem Vortrag in Moskau 2012. Ist Russland dazu bereit und welchen Platz sollte es Ihrer Meinung nach in einer neuen Weltordnung einnehmen?

Watlin: Russland ist immer noch auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Es zeigt dabei Ambivalenzen, indem es die Partner im Osten wie im Westen vorsichtig zu ergründen sucht. Im Vergleich zur Ära des Kalten Krieges haben sich die Machtverhältnisse dramatisch verändert: Einer der Pole der globalen Konfrontation ist von der Weltbühne verschwunden. Das System wurde dementsprechend beweglicher, veränderlicher und daher weniger vorhersehbar. Viele Leute haben Angst davor. Aber Bahr selbst würde keine Angst vor Veränderung haben. Er war ja ein Mensch, der glaubte, ohne Veränderung kann es keine Entwicklung geben. Und die Veränderungen in der Weltordnung können sowieso nicht allen ohne Ausnahme gefallen.

ZEIT ONLINE: In dem selben Vortrag wies Bahr auf die besondere Stellung Deutschlands in Europa hin. Gibt es in Russland ein Misstrauen gegenüber dem erstarkten Deutschland?

Watlin: Viele deutsche Nachkriegspolitiker, darunter Egon Bahr, haben das Fundament für besondere Beziehungen zwischen Russland und Deutschland gelegt. Zurzeit werden diese Beziehungen auf den Prüfstand gestellt, aber sie bleiben immer noch besonders. Überraschenderweise wird Deutschland, das zwei Weltkriege entfesselt hat, in denen Russland zahllose Opfern erlitten hat, unter der Bevölkerung unseres Landes durchaus positiv wahrgenommen. Dies hängt damit zusammen, dass Deutschland auf der Weltbühne als ein Land auftritt, das sich seiner Verantwortung für die Vergangenheit bewusst ist. Und es sucht gleichzeitig immer nach einem Kompromiss. Das macht mir Hoffnung, dass die gegenwärtige Abkühlung der russisch-deutschen Beziehungen nicht lange dauern wird und dass die beteiligten Parteien eine Lösung für die Krise finden werden, die für beide Seiten akzeptabel ist.