Flüchtlinge besteigen am 6. September an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien einen Zug, der sie nach Serbien bringen soll. © Stoyan Nenov/Reuters

Manchmal verändern Zahlen die Wahrnehmung einer Krise. So war es auch an diesem Mittwoch, als Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor die Presse trat und eine neue Schätzung darüber abgab, wie viele Menschen in diesem Jahr in Deutschland Asyl beantragen werden. Rund 450.000 Asylbewerber – so lautete die Prognose bisher. Nun geht der Innenminister davon aus, dass in diesem Jahr fast doppelt so viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden: 800.000, vielleicht sogar eine Million. Wie viele es genau werden, weiß niemand zu sagen, doch klar ist schon jetzt: Die Planung vieler Kommunen wird kaum zu halten sein. Sie werden weit mehr Unterkünfte, Lebensmittel und Schulplätze zur Verfügung stellen müssen als bisher gedacht. 

Allerdings ist fraglich, ob die Prognose nicht zu hoch gegriffen ist. Zwar steigt die Zahl der Asylsuchenden laut der offiziellen Statistik stark an. Doch in den ersten sieben Monaten des Jahres zählte das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) weniger als 200.000 Erstanträge auf Asyl (siehe Grafik). Im Juli registrierte das Amt 37.531 Erstanträge. Die Zahlen müssen also in den verbleibenden Monaten des Jahres drastisch steigen, damit die Prognose des Innenministers zutrifft. 

Doch warum steigen die Flüchtlingszahlen im Moment überhaupt so schnell? Im Wesentlichen gibt es dafür sechs Gründe:

1. Das Geschäft mit den Flüchtlingen wächst

Seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien im Jahr 2011 und dem Erstarken der Terrormiliz "Islamischer Staat" im Irak hat sich im Nahen Osten und Teilen Nordafrikas eine Flüchtlingsindustrie entwickelt. In Libyen, dem Libanon und der Türkei bieten Schlepperbanden den Vertriebenen eine vermeintlich sichere Überfahrt nach Europa an – per Lastkahn von Libyen über das Mittelmeer auf die Insel Lampedusa, im Schlauchboot an der Ägäis-Küste entlang nach Griechenland oder auf der Ladefläche von LKWs über die türkische Grenze nach Ungarn oder Bulgarien.

Flüchtlinge - "Sie warfen uns auf das Boot wie Kartoffeln“

Der Profit für die Schlepper ist hoch: Für die Überfahrt von Libyen aus bezahlen Flüchtlinge bis zu 6.000 Euro pro Person. Am Handy werden die Details für die Überfahrt besprochen, gezahlt wird im Voraus, dann beginnt die strapaziöse Reise nach Italien oder Spanien.  Doch nicht jeder kann sich die teure Fahrt über das Mittelmeer leisten. 

In der Türkei bieten Schlepper deshalb eine kostengünstigere Alternative an. Für rund 1.100 Euro werden Flüchtlinge dort mit Schlauchbooten an der Ägäisküste entlang auf die nahen griechischen Inseln Kos, Chios und Samos gebracht. Allein im Juli sind auf diese Weise laut EU-Kommision 50.000 Menschen nach Griechenland gelangt. Von dort aus reisen die Flüchtlinge weiter nach Mitteleuropa – auch nach Deutschland.  "Die Schlepper sind ein ökonomisches Phänomen: Sie besitzen ein Monopol auf einem Markt mit extrem hohen Renditen", sagt der Migrationsforscher Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.  "Die vermehrte Seeüberwachung und das hohe Risiko bei Passagen über das Mittelmeer führen wohl zu einer Verlagerung der Ströme von Asylsuchenden."