Volker Kauder hat in der vergangenen Woche den Korpsgeist der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag beschworen als einen Geist, den eine gute Truppe haben sollte. So bereitete er seine Truppe, die Abgeordneten, auf einen Kampfeinsatz vor.

Es ist allerdings ein Kampf gegen die eigenen Leute, eben gegen jene 60 Mitglieder der Fraktion, die am 17. Juli gegen Griechenland-Verhandlungen und damit die eigene Regierung gestimmt hatten – und die das vermutlich am Mittwoch erneut tun werden. In der Sondersitzung des Bundestags wird erneut gezählt werden, und es könnte sein, dass der Geist von Volker Kauders Truppe weitere Verluste zu beklagen haben wird. Zwar wird die übergroße Mehrheit der großen Koalition für die Griechenland-Hilfe stimmen, aber eben auch mehr als 20 Prozent der CDU/CSU-Abgeordneten dagegen. Das ist mehr als ein Alarmsignal. Die Zahl der Abweichler zwingt zur Frage, was für eine Truppe diese Fraktion ist und welcher Geist in ihr herrscht.

Der Korpsgeist ist eine etwas betagte Figur für das Wir-Gefühl einer Gruppe. Der Begriff verdankt sich dem französischen esprit de corps, wörtlich übersetzt: dem Geist des Körpers. Nach ihm gerufen wird meist erst, wenn ihm etwas zuwidergelaufen ist. 

Die Männer in grauen Anzügen

Volker Kauders Warn- und Weckruf wirkt auch so altmodisch, weil die CDU/CSU-Fraktion nicht mehr die alte ist. Sie besteht heute anders als früher nicht mehr überwiegend aus alten weißen Männern in dunklen Anzügen, jenen men in grey suits, die auch in anderen konservativen Parteien wie bei den englischen Tories oder bei den amerikanischen Republikanern einst den Ton angaben und deren legendärer geheimer Macht wir das englische Original der TV-Serie House of Cardsverdanken.

Ein Blick ins Plenum des Bundestags belegt: Der Körper dieser Fraktion ist bunter und vielfältiger, als die wie mit einem Schmiss versehene Sprache ihres Chefs es nahelegt. Sie erfasst nicht mehr die Diversität seiner Truppe. Wenn Volker Kauder in einer Plenardebatte, meist frei, das Wort ergreift, wackelt er an entscheidenden Stellen seine Rede mit der Nase. Seine Nase hat die Witterung verloren.

Für die Bundeskanzlerin ist das so alarmierend, dass sie eine Woche nach Volker Kauders WamS-Interview im ZDF nachlegte: Wenn 80 Prozent der Unionsabgeordneten für das Hilfspaket seien, könne es nicht sein, dass die CDU/CSU in einem Ausschuss die Minderheitsmeinung vertrete, nur weil dort zufällig ein Angehöriger dieser Minderheit sitze. "Das ist nicht im Geiste der Geschäftsordnung des Bundestages." 

Machterhalt mit der Geschäftsordnung

Redete Kauder noch vom Korpsgeist, greift Angela Merkel zum maßgeblichen Instrument des Machterhalts: der Geschäftsordnung. Nur kann auch die schönste Geschäftsordnung der Welt nichts daran ändern, was Artikel 38 des Grundgesetzes bestimmt: Nämlich dass die Abgeordneten Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen sind.