Einmal im Jahr nimmt sich die Kanzlerin Zeit, die Fragen der Hauptstadtjournalisten zu beantworten. Ein Routinetermin in Berlin. Üblicherweise findet das Treffen im stets überfüllten Saal der Bundespressekonferenz kurz vor der parlamentarischen Sommerpause statt. Diesmal ist vieles anders. Das fängt schon beim Termin an – er wurde wegen der Griechenlandkrise um sechs Wochen verschoben. Ungewöhnlich ist auch, dass Merkel sich zu Beginn 17 Minuten Zeit nimmt, um über ein einziges Thema zu reden. Und wirklich erstaunlich ist die Art, wie sie es tut.

Es fallen Sätze, die man in dieser Klarheit und Emotionalität nicht von Merkel gewohnt ist. "Unendlich viele Tragödien" und "unfassbare Gräuel" spielten sich derzeit in Europa ab, sagt die Kanzlerin mit Blick auf die Hunderttausenden, die derzeit aus vielen Ländern der Welt auf lebensgefährlichen Wegen versuchen, sich in Europa in Sicherheit zu bringen. Es seien "Bilder, die unsere Kraft übersteigen", sagt sie – und erinnert an die 71 Flüchtlinge, die in der vergangenen Woche tot in einem Schleuser-Lkw in Österreich gefunden worden waren.

Schon früher hatte Merkel angekündigt, diese Krise lasse sich nicht im Normalmodus aus dem Weg räumen. Erlebt man nun eine Kanzlerin im Ausnahmemodus? Ein bisschen zumindest.

Merkel macht zwei Dinge sehr deutlich: Erstens ist sie entschlossen diese Krise anzupacken und auch neue Wege zu gehen. "Deutsche Gründlichkeit ist super, aber jetzt ist Flexibilität gefragt", sagt sie. Und sie ist zweitens nicht bereit, denen, die in den Flüchtlingen vor allem eine Gefahr sehen, Verständnis entgegenzubringen. "Es gibt keine Toleranz gegen die, die die Würde anderer Menschen infrage stellen", wendet sie sich an alle, die in den vergangenen Wochen Brandsätze auf Flüchtlingsheime geworfen oder davor demonstriert haben.  

Gabriel immer einen Schritt weiter

Dabei hatte Merkel in den vergangenen Wochen wenig zu sagen gehabt zum Thema Flüchtlinge. SPD-Chef Sigmar Gabriel war Merkel in der Flüchtlingsfrage stets voraus. Da war zum Beispiel die Geschichte mit dem Flüchtlingsmädchen Reem, für das Merkel die richtigen Worte fehlten. Noch vor ihr besuchte Gabriel die Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau. Noch bevor Merkel die eigenen Parteispitzen im Kanzleramt versammelt hatte, hatte er schon einen ausgearbeiteten Plan an die Presse lanciert, was nun zu tun sein.

Doch auch wenn Merkel die Flüchtlingskrise nun zur Chefsache erklärt hat – allzu viel Klartext will sie nun auch wieder nicht reden. Anders als die SPD will sie sich zum Beispiel lieber nicht darauf festlegen, wie viel Geld die Kommunen für die Aufnahme der Flüchtlinge bekommen sollen. Man werde schon "Schritt für Schritt" einen Weg finden, wie "wir uns die Herausforderung teilen", sagt sie stattdessen. Die vorsichtige, abwartende Merkel ist nicht verschwunden.

Es gehört vielleicht zu den Vorteilen, die die Flüchtlingskrise für Merkel mit sich bringt, dass sie die anderen Groß-Krisenthemen, so sie überhaupt noch jemanden interessieren, im Normalmodus abhaken kann. Griechenland zum Beispiel. Dass Deutschland während der Verhandlungen über das dritte Hilfspaket dem eigenen Image geschadet hat, kann Merkel nicht erkennen. "Ich bin da mit mir sehr, sehr im Reinen", verkündet sie stattdessen. Die Entwicklung in der Ukraine? "Wir bemühen uns im Detail diesen Prozess voranzubringen".   

Und dann war da ja mal diese Sache mit dem No-Spy-Abkommen. Kurzzeitig glaubte die SPD im Frühjahr tatsächlich, endlich etwas gegen die beliebte Kanzlerin in der Hand zu haben, weil diese im Wahlkampf 2013 so getan hatte, als stehe ein No-Spy-Abkommen mit den USA unmittelbar bevor. Mittlerweise ist durch E-Mails belegt, dass das wohl nie der Fall war. Merkel bleibt gelassen: "Wir haben die Öffentlichkeit nach bestem Wissen und Gewissen informiert", wiederholt sie ihre Standardantwort auf diese Frage.