Die Demonstration in Berlin hat noch nicht begonnen, da muss sich Markus Beckedahl schon mit unliebsamen Unterstützern herumärgern. Der Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org bittet vier seiner Sympathisanten über Mikrofon, ihre Transparente wieder einzupacken und zu gehen. Er bezeichnet sie als russische Rechtsradikale. "Haut ab! Haut ab!", rufen einige. Etwas widerwillig packen die vier ihr Banner ein.

"Zünde eine Kerze zum Gedenken an" steht in kyrillischen Buchstaben auf dem Transparent. Das Foto darauf zeige einen Journalisten, der für seine Arbeit getötet wurde, sagen sie. Es gehe doch hier um die Freiheit, brüllt einer von ihnen, auf dessen T-Shirt "Novorossia" steht – Neurussland.  

Doch wer vertrauliche Informationen über die Bundesrepublik veröffentlicht, hat nicht nur separatistische Folkloristen auf seiner Seite. Auch Regime, die Pressefreiheit sonst nicht sonderlich achten, zeigen Interesse an der Arbeit von netzpolitik.org. Eine Reporterin von PressTV ist gekommen. Doch Markus Beckedahl lässt sie wissen, dass er nicht mit dem iranischen Staatsfernsehen spricht. Mit dem russischen Propagandasender RT Deutsch hält er es ebenso.

Keine 48 Stunden ist es her, seit die Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft gegen netzpolitik.org bekannt wurden. Geschätzte 2.500 Menschen sind an diesem Samstagnachmittag auf den Dorothea-Schlegel-Platz am Bahnhof Friedrichstraße gekommen, um für die Pressefreiheit zu demonstrieren. "Wir sind total geflasht, wie riesig die Solidarität ist", ruft ihnen ein sichtlich überwältigter Markus Beckedahl zu. Er erntet tosenden Applaus.

"Landesverrat? Das musste ich erst einmal googeln"

Er habe immer gehofft, dass sein Team von netzpolitik.org Hilfe bekommt, wenn sie einmal in Schwierigkeiten geraten. Doch mit so viel Unterstützung hätten sie ebenso wenig gerechnet wie mit den Ermittlungen wegen Landesverrats durch den Generalbundesanwalt. "Landesverrat", sagt Beckedahl, "das musste ich erst einmal googeln". Dass ihm nun aufgrund der Veröffentlichung zweier Dokumente, die als vertraulich eingestuft waren, mehr als ein Jahr Gefängnis droht, sei ihm neu gewesen. Er hält die Ermittlungen für einen Einschüchterungsversuch gegen kritische Journalisten.

Die Demonstranten in Berlin wirken alles andere als eingeschüchtert. Die Stimmung ist ausgelassen, strahlender Sonnenschein und laute Musik begleiten den Zug vom Bahnhof Friedrichstraße, an den Touristen in den Cafés Unter den Linden vorbei bis zum Justizministerium in der Mohrenstraße. Etliche Banner und Schilder machen sich über den Generalbundesanwalt und die regierende große Koalition lustig. Erich Kästner wird zitiert – und Kurt Tucholsky selbstverständlich. Man ist hier im Bewusstsein auf der Straße, für nichts Geringeres zu kämpfen als die Wahrheit. Die Demonstranten verteidigen nicht nur die Pressefreiheit, sie halten sich für die eigentlichen Verfassungsschützer.

Ihre Forderungen sind eindeutig: Sie wollen den Rücktritt des Generalbundesanwalts Harald Range, den inzwischen auch Koalitionspolitiker der SPD fordern. "Entscheidungen dieses GBA im gesamten #NSA Komplex sind nur noch peinlich. Es wäre Zeit, den Hut zu nehmen", twitterte der SPD-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Christian Flisek. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner schloss sich der Forderung an. Auf der Demonstration sind beide nicht zu sehen.

Dafür mischt sich ein buntes Bündnis aus Piraten, Grünen und jungen Liberalen unter die Proteste und zeigte Parteiflagge. Immer wieder verkünden verschiedene Aktivisten über Lautsprecher, dass sie sich von den Ermittlungen nicht beeindrucken lassen. In der Abschlusskundgebung vor dem Justizministerium fordern sie eine Einstellung des Verfahrens, besseren Schutz von Whistleblowern und moderne Gesetze zur Pressefreiheit.

Am deutlichsten aber wird der US-amerikanische Internetaktivist Jacob Appelbaum: "Lasst uns noch viel mehr Dokumente veröffentlichen!", ruft er den Demonstranten zu. Jeder wisse jetzt, welchen Journalisten man vertrauliche Dokumente anvertrauen könne. Dem deutschen Verfassungsschutz, der den Terroristen des NSU geholfen habe, sagt er: "Wir sind alle Landesverräter! Kommt und holt uns, ihr Arschlöcher!" ("Come and get us, motherfuckers!")

Am Rande der Demonstration in Berlin äußerte sich André Meister, einer der beiden von den Ermittlungen betroffenen netzpolitik.org-Autoren, zum Vorwurf des Landesverrats: