Wolfgang Richter vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen © Esther Diestelmann

Als 1992 Rassisten das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen in Brand setzten, war Wolfgang Richter gerade ein Jahr im Amt als Ausländerbeauftragter. Weißes Hemd, helle Hose, schlohweiße Locken, so steht er heute am Bahnhof. "Wir haben uns geschworen, dass das niemals wieder passieren darf", sagt er. "Leider bin ich mir da heute nicht mehr so sicher."

Ein ganz normaler Morgen in Rostock im August. Möwen kreisen, die Fähre Richtung Dänemark legt ab. Auf den ersten Blick erinnert nichts an die schwersten fremdenfeindlichen Ausschreitungen nach dem Zweiten Weltkrieg vor 23 Jahren. Doch bei genauerem Hinsehen gibt es doch Spuren. Am Bahnhof ein Schild: "Wir setzten ein Zeichen gegen Hass und Gewalt."

Richter fährt zum Sonnenblumenhaus, vom Bahnhof nach Rostock-Lichtenhagen dauert es 20 Minuten auf der Stadtautobahn. 19 Jahre lang war er Ausländerbeauftragter. Immer wenn Richter vor dem Haus mit den markanten Mosaiksteinchen parkt, versucht er, nicht aufs Dach zu schauen. Dort stand er in der Brandnacht, als er und die anderen vor den Flammen fliehen mussten. "Meistens schaue ich aber doch kurz hoch und dann geht mein Kopfkino wieder los. Die aufgeladene Stimmung, die man körperlich spüren konnte, diese Pogromstimmung in den Tagen davor, die kommt dann wieder."

Rostock-Lichtenhagen - "Die Deutschen wollen Deine Landsleute hier nicht" Mai-Phuong Kollath kam 1981 als vietnamesische Vertragsarbeiterin nach Rostock. Und erlebte zunehmende Fremdenfeindlichkeit.

Drei Tage lang standen Ende August 1992 Menschenmassen vor dem Sonnenblumenhaus, in dem neben 150 vietnamesischen Vertragsarbeitern auch die Zentrale Annahmestelle für Asylbewerber (ZAst) untergebracht war. In der dritten Belagerungsnacht, am 24. August 1992, brannte der Plattenbau mit der Sonnenblumenfassade. Angezündet von einem wütenden Mob aus Rostocker Bürgern, Rassisten der Region und Neonazis, die es als Volksfest sahen. In den Monaten davor war die Zahl der Flüchtlinge, die bei der ZAst einen Antrag auf Asyl stellen wollten, schnell gestiegen. Die Behörden kamen nicht hinterher, Ostern wurde erstmals entschieden, die ZAst für drei Tage zu schließen, was später immer häufiger vorkam. Die Folge: kampierende Asylsuchende im Wohngebiet, wochenlang. "Das war für die Vietnamesen in Haus 19, für die Anwohner, aber vor allem für die Flüchtlinge eine wirklich unangenehme Situation", sagt Richter. "Das hätte es so nicht geben dürfen." Die Stimmung kippte, die Flüchtlinge wurden beschimpft und beleidigt. Zunächst die auf der Grünfläche vor Haus 18, dann auch die im Nachbarhaus lebenden Vietnamesen.

"Auf einmal waren wir Fidschis", sagt Mai-Phuong Kollath, die als Vertragsarbeiterin nach Rostock gekommen war. Wie war es, in das Blickfeld von Rassisten zu geraten? Es sei vor allem eine Veränderung im Ton spürbar geworden. "Jahrelang hatte ich in der Illusion gelebt, dass wir Vietnamesen dazugehören", erzählt sie. Nach dem Mauerfall kam die Arbeitslosigkeit und damit der Spruch: Die DDR gibt's nicht mehr –Was willst du noch hier?  

Von den fremdenfeindlichen Gruppen, die sich in den Tagen vor dem Brandanschlag vor dem Sonnenblumenhaus versammelten, seien die Vietnamesen zunächst in Ruhe gelassen worden. Die attackierten erst die Roma, die vor der ZAst warten mussten.

In der Nacht des Brandanschlags war Kollath nicht in Rostock, zwei Tage später kam sie in ein völlig verkohltes Treppenhaus zurück. "Ich stand die ersten Tage unter Schock. Ich habe mir vorgemacht, dass der Anschlag ja nicht mir galt. Weil gegen uns haben sie ja nichts, der Anschlag galt den Roma."

Flüchtlinge - "Ich habe Angst" Als ehemalige Vertragsarbeiterin aus Vietnam hat Mai-Phuong Kollath die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 direkt erlebt. Nun beschreibt sie ihre Angst vor neuen Gewalttaten.