Der erste "Neinsager" aus der CDU hat seinem Fraktionschef widersprochen: Der Abgeordnete Christian von Stetten sagte, er könne Kauders Drohung, Abweichler von der Fraktionslinie nicht mehr in wichtige Ausschüsse des Bundestags zu entsenden, nicht nachvollziehen. "Eine solche Drohung beeindruckt mich überhaupt nicht", sagte der Vorsitzende des CDU/CSU-Parlamentskreises Mittelstand der Bild-Zeitung. Er wolle "selbstverständlich" bei seiner ablehnenden Haltung bleiben.

Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag Volker Kauder hatte angekündigt, die 60 Abweichler bei der Griechenland-Hilfe nicht mehr in zentrale Gremien des Bundestages zu schicken. "Diejenigen, die mit Nein gestimmt haben, können nicht in Ausschüssen bleiben, in denen es darauf ankommt, die Mehrheit zu behalten: etwa im Haushalts- oder Europaausschuss", sagte Kauder der Welt am Sonntag. Er verlangte "Korpsgeist" von den Abgeordneten, den "eine gute Truppe haben sollte". Seine Sprecherin sagte dem Tagesspiegel anschließend, Kauder plane nicht, Abgeordnete aus Ausschüssen abzuziehen.

Der schwäbische Abgeordnete von Stetten gehört dem Finanzausschuss des Bundestages an und wäre damit ein Kandidat für eine Strafmaßnahme der Fraktionsführung. Den Stuttgarter Nachrichten sagte er: "Ich bin ein frei gewählter Abgeordneter und lasse mich in einer solch wichtigen Frage wie der Griechenland-Hilfe von niemandem unter Druck setzen."

Attackiert wird Kauder auch von dem CDU-Abgeordneten Andreas Mattfeldt, der gegen ein drittes Hilfsprogramm gestimmt hatte. "Mit dieser Aussage hat Volker Kauder die Meinungsfreiheit, die im Grundgesetz für Abgeordnete fest verankert ist, mit Füßen getreten. Das geht so nicht", sagte er der Bild-Zeitung. Kritisch äußerte sich auch der Vorsitzende der CSU-Mittelstandsvereinigung, Hans Michelbach. Der Welt sagte er: "Ich glaube, Volker Kauder wird bei nochmaligem Nachdenken bemerken, dass sein Gedanke nicht zielführend ist." 

Bei der Abstimmung über die Aufnahme von Verhandlungen mit Griechenland über ein drittes Hilfsprogramm Mitte Juli hatten 60 Mandatsträger von CDU und CSU Bundeskanzlerin Angela Merkel die Gefolgschaft verweigert und mit Nein gestimmt. Fünf weitere enthielten sich.

Den Begriff "Abweichler" kritisierte Kauder als heroisch: Ein Nein sei nicht mehr wert als ein Ja. Er erinnerte an den inoffiziellen Fraktionszwang: "Auch die 60 haben unserer Fraktionsordnung zugestimmt, in der steht: Wir diskutieren, streiten und stimmen ab, aber am Schluss muss die Minderheit mit der Mehrheit stimmen." Dass Abgeordnete nicht an Aufträge oder Weisungen gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen sein sollen, ließ Kauder nur bedingt gelten: "Jeder entscheidet selbst, was für ihn eine Gewissensfrage ist. Aber ich werbe dennoch für Geschlossenheit."

Die Kritik von CDU-Generalsekretär Peter Tauber, dass manche Abweichler aus ihrem Nein zur Regierungspolitik ein "Geschäftsmodell" machen würden, teilte Kauder nicht: "Ich nehme die Entscheidungen der Kollegen ernst."

Derzeit wird mit Griechenland über ein drittes Hilfsprogramm in Milliardenhöhe verhandelt. Sind die Gespräche abgeschlossen, muss der Bundestag erneut darüber abstimmen.