Die seltsamste Szene dieses Films, der heute Abend in der ARD ausgestrahlt wird, findet in Otterndorf statt. Eine PR-Veranstaltung einer norddeutschen Sparkasse, die vom Ansehen des Bundesfinanzministers zehren will. Warum lässt er sich darauf ein? Was soll diese Zeitverschwendung?

Stephan Lambys Film folgt fast choreografisch den täglichen Routinen, in denen sich Wolfgang Schäuble bewegt. Die Anfahrt der drei Limousinen zur Bundeswehrmaschine 14-03, Schäuble mit seinen engsten Mitarbeitern an Bord im Gespräch, in die Akten vertieft oder mit einem barschen glättenden Schlag auf das dünne Papier der FAZ, Schäuble in seinem Ministerium oder beim Einmarsch in das Brüsseler Konferenzzentrum zur nächsten Sitzung der Eurogruppe, Kamerafahrten parallel zum Rollstuhl, den er, solange die Kameras laufen, fast immer allein bewegt. Eine großartige Szene zeigt Schäuble auf einer langgezogenen Schwarzwaldpiste, in der er seinen Rennrollstuhl kraftvoll bergauf vorantreibt, Bilder, wie man sie sonst aus alpinen Marathonrennen kennt.

Tatsächlich zeigt Stephan Lamby heute Abend ein Sportmärchen. Es zeigt Wolfgang Schäubles Rennen gegen sich selbst. Die Idee legt die Montage des Films nahe. Lamby hat viel Archivmaterial gesichtet, darunter auch Bilder aus der frühen Karriere Schäubles als der schmale junge Mann an der Seite Helmut Kohls. Schon aus den frühen Jahren gibt es Bilder, die Schäubles Gesicht in Großaufnahme zeigen, die großen Augen, aus denen eine zupackende, immer sprungbereite Aufmerksamkeit spricht, die leicht gebeugte Haltung des Kopfs, die das Bild eines Greifvogels evoziert, der seine Beute beäugt. 

Eulen können sich ihrer Umgebung perfekt anpassen, sodass man ihr Gefieder nicht von der Rinde des Baums unterscheiden kann, in dessen Höhle sie stecken. Erst wenn sie die Augen öffnen, wird man ihrer gewahr. Schäubles Augen aus diesen jungen Jahren sind die Augen eines Greifvogels, eines blitzschnellen Begreifvogels. Schon damals, in den frühen achtziger Jahren, springt einem aus diesen Augen etwas in den Blick, das an die Eule der Minerva erinnert.

Was ist die Beute, die der ehrgeizige junge Politiker im Auge hat? Seine Frau erzählt von frühen Träumen von einer Professur in Freiburg, die ihr so viel attraktiver erschien als die politische Karriere ihres Ehemanns. Wolfgang Schäubles eigene Freiburger Schule nimmt aber weitab vom Breisgau in Bonn und in Berlin Gestalt an. Sie führt vor Augen, was er als seinen Arbeitsraum seither besetzt. Schäubles Arbeitsraum ist der Ausnahmezustand. Im Ausnahmezustand als seinem Habitat stellt er Regeln auf die Probe und unter Feuer.

Kein Duell mit Varoufakis

Deswegen wirkt es unfreiwillig naiv, den Film als ein Kräftemessen zwischen dem alten Mann im Rollstuhl und dem griechischen Popstar Yanis Varoufakis zu inszenieren. Die vielen Interviewszenen mit Varoufakis suggerieren ein Duell, das es nie gegeben hat. Es kam nicht einmal zur Wahl der Waffen.

Seinen Gegenspieler hat Schäuble schon früh mit einem Trick Gerhard Schröders lahmgelegt. Vielleicht hat ihm dabei auch sein von Joschka Fischer gestählter Sprecher geholfen, der als früherer deutscher Botschafter in Kabul auch andere Feuertaufen hinter sich hat. Im Wahlkampf 2005 schmähte Schröder den von Merkel in ihr Schattenkabinett geholten Steuerexperten Paul Kirchhof als "Professor aus Heidelberg". Schäuble mokierte sich nun über die gebührenfreien Vorlesungen des Wirtschaftsprofessors Varoufakis, nach denen er und die anderen Finanzminister der Eurogruppe sich gewiss gesehnt hätten.

Schäubles Habitat ist der Ausnahmezustand

Yanis Varoufakis zu idolisieren, war aus Schäubles Sicht Teil eines Spiels, das er besser beherrscht. Die Fans des Griechen haben das nie verstanden. Denn der Ausnahmezustand als Schäubles Habitat macht ihn mit beiden Seiten eines Problems vertraut, das heißt, auch vertraut mit den Folgen von Plan A und Plan B und Plan C. Die Rede Schäubles im Bundestag bei der Sondersitzung zur Verabschiedung des dritten Griechenlandpakets zeigt ihn wie einen Professor im Doktorandenkolloquium. Er wendet sich in seiner Körperhaltung fast nur an die Kollegen der eigenen Fraktion, die weder verstehen noch akzeptieren, warum er jetzt für das Gegenteil von dem plädiert, wofür er noch wenige Tage zuvor eingetreten ist.

Zu Hause auf beiden Seiten eines Problems zu sein, das ist das Rollenverständnis des aus Schäuble sprechenden Beamtenadels und zugleich die Quelle seiner Loyalität. Er weiß einfach alles besser. Das macht ihn auch für viele Parteifreunde so unerträglich. Ihr Respekt vor ihm wird nur noch übertroffen von der Furcht. Die Sehnsucht danach, geliebt zu werden, hat für Wolfgang Schäuble mit der Politik nichts zu tun. Das ist privat. Etwas anderes ist es, "reschpektiert" zu werden. Dafür fährt er dann auch mal nach Otterndorf.

Damit kommen wir zurück zu der Frage, was Wolfgang Schäubles Beute ist. Es ist weder die Macht noch die Ohnmacht. Insofern führt der Titel des Filmporträts in die Irre. In Wolfgang Schäuble hat der Wille zum Wissen sich verselbstständigt, hat sich das Begreifenwollen abgelöst vom Betriebszustand der Politik, ihren Zufällen, ihren Kompromissen, dem Arrangement mit allem Möglichen.

Der Begreifvogel hebt ab von den Niederungen und Zumutungen des Betriebs. Sie liegen hinter ihm.

"Schäuble – Macht und Ohnmacht",   Dokumentarfilm von Stephan Lamby, ARD, Montag, 21.30 Uhr