ZEIT ONLINE: Herr Hofreiter, Angela Merkel hat syrische Flüchtlinge willkommen geheißen. Jetzt hat Deutschland Probleme, die vielen Menschen unterzubringen. Erleben wir gerade ein klassisches Dilemma linker Migrationspolitik?

Anton Hofreiter: Nein, wir erleben das Dilemma der Methode Angela Merkel. Sie wartet zu lange, schwenkt plötzlich ein und in der Zwischenzeit sind die Probleme größer geworden. Wir haben schon vor einem Jahr gesagt, dass wir uns vorbereiten müssen auf die Menschen, mehr Personal beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge brauchen und mehr Geld für die Kommunen. Aber die Bundesregierung hat die Augen verschlossen. Angela Merkel trägt insofern auch Mitschuld an der Verschärfung der Situation, weil sie nicht vorausschauend gehandelt hat.

ZEIT ONLINE: Ihr Wahlkreis ist der Landkreis München. Müssen Sie der CSU nicht ein bisschen recht geben, wenn sie von Überforderung spricht?

Hofreiter: Ich glaube, die CSU ist überfordert. Kriegen die mit, was die Ehrenamtlichen in München leisten? Die haben über Nacht Schlafsäcke und Isomatten und Schlafplätze für Zehntausende Menschen besorgt. Sie übernehmen eigentlich staatliche Aufgaben. Mich nervt, dass ein paar Leute lieber schwarzmalen statt anzupacken. Dabei sehen wir doch gerade jetzt: Wenn wir die Ärmel richtig hochkrempeln, schaffen wir das.

ZEIT ONLINE: Die Grünen haben die Wiedereinführung von Grenzkontrollen dennoch nicht besonders scharf kritisiert. Weil Sie es wichtig finden, dass Flüchtlinge registriert werden?

Hofreiter: Grenzkontrollen sind doch vor allem Symbolpolitik. Sie ändern nichts daran, dass die Flüchtlinge da sind. Wer einen Asylantrag stellt, darf sowieso ins Land. Wir müssen mehr Aufnahme- und Verteilungszentren schaffen. Da hat der Gipfel am Dienstag erste richtige Signale gegeben. Und klar ist es auch wichtig, dass wir wissen, wer da kommt. Deswegen brauchen wir natürlich auch Registrierungen.

ZEIT ONLINE: Die designierte Vorsitzende der Linksfraktion, Sahra Wagenknecht, sieht die USA als alleinigen Verursacher der Probleme im Nahen Osten. Die Bundesregierung solle Courage zeigen und mehr Geld von den Amerikanern verlangen. Hat sie recht?

Hofreiter: Das ist eine völlig überzogene Aussage. Natürlich haben die USA Fehler gemacht im Nahen Osten, aber das Versagen vieler krimineller Regierungen vor Ort kann man auch nicht übersehen. Und sicher wäre es wünschenswert, wenn die USA in der Flüchtlingsfrage mehr tun, auch indem sie Flüchtlinge aufnehmen. Das eine hat mit dem anderen aber wenig zu tun.

ZEIT ONLINE: Mal angenommen, die Grünen wären jetzt an der Regierung. Mit wem könnten Sie in der Flüchtlingsfrage besser zusammen arbeiten: Mit den Linken, die Amerika die Schuld für alles geben oder mit der CDU, die sich für ein Einwanderungsgesetz öffnet, das die Grünen fordern?

Hofreiter: In beiden Gruppen gibt es Schmuddelkinder: Zur CDU gehört die CSU und die paktiert mit dem Rechtspopulisten Victor Orbán. Und die Linken kennen nur Parolen und Schuldzuweisungen.

ZEIT ONLINE: Wie soll das also jemals etwas werden mit Rot-Rot-Grün?

Hofreiter: Die Linke muss sich entscheiden, will sie regieren oder nicht. Ich würde es begrüßen, wenn sie das täte. Und dann müssten alle Seiten sich kompromissfähig zeigen. Für die Linke hieße das, sich in der Außenpolitik den Realitäten zu stellen.

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung will Albanien, Kosovo und Montenegro zu sicheren Herkunftsländern erklären. Außerdem soll in den Erstaufnahmeeinrichtungen kein Taschengeld mehr an Flüchtlinge bezahlt werden. So soll der Anreiz für sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge geschmälert werden, nach Deutschland zu kommen. Werden die Grünen die Beschlüsse im Bundesrat mittragen?

Hofreiter: Insbesondere die CSU hat da so manchen alten repressiven Ladenhüter wieder hervorgeholt. Wir werden am Ende das Gesamtpaket bewerten müssen. Denn für die Situation in den Bundesländern ist gerade entscheidend, dass wir mehr Geld für die Kommunen bekommen, für eine bessere Integration, mehr Personal in den Asylbehörden und einfachere und schnellere Verfahren. Sonst gerät die Situation vor Ort außer Kontrolle. Weil die Bundesregierung das mit der falschen Forderung nach sicheren Herkunftsstaaten verknüpft, werden unsere grünen Landesregierungen verhandeln. Denn die Bundesregierung ist für eine Mehrheit auf die Zustimmung grün-regierter Länder angewiesen.

ZEIT ONLINE: Können Sie denn ausschließen, dass grüne Landesregierungen neuen sicheren Herkunftsstaaten zustimmen?

Hofreiter: Wir werden verhandeln und das Gesamtpaket bewerten.

ZEIT ONLINE: Das ist kein Nein. Stehen die Grünen dennoch zu ihrem Credo: "Kein Mensch ist illegal"?

Hofreiter: Natürlich. Das ist ein ethischer Appell und bleibt unser Anspruch. Zu dem stehen wir. Sie müssen aber auch zugeben, dass wir das Land halt nicht alleine regieren.

ZEIT ONLINE: Aber die Grünen unterscheiden inzwischen zwischen Flüchtlingen mit einer "guten" und einer "schlechten Bleibeperspektive", wie sie es nennen. Und wer als Wirtschaftsflüchtling schneller abgeschoben werden soll, ist dann ziemlich schnell auch illegal in Deutschland.

Hofreiter: Deswegen versuchen wir ja durchzusetzen, dass es für diese Menschen eine Einwanderungsperspektive in den Arbeitsmarkt gibt. Damit sie nicht den falschen Weg übers Asylrecht gehen müssen.

ZEIT ONLINE: Es braucht dringend Wohnraum für die Flüchtlinge. Haben Sie Sympathie für den Vorschlag des Grünen-Bürgermeisters Boris Palmer, der leerstehende Eigentumswohnungen notfalls beschlagnahmen will?

Hofreiter: Der Vorschlag hat unnötig Ängste ausgelöst und war nicht nötig. Die Bevölkerung hilft bereits in sehr bemerkenswerter und berührender Weise.

ZEIT ONLINE: Könnte eine Vermögenssteuer dabei helfen, die Integration von Flüchtlingen zu bezahlen?

Hofreiter: Erst mal haben wir genug Spielräume im Haushalt, da gibt es keine Ausflüchte für die Große Koalition, bei den Steuerüberschüssen, die wir haben. Auf einem ganz anderen Blatt steht natürlich, grundsätzlich darüber nachzudenken, wie sehr hohe Vermögen angemessen an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligt werden. Das verbinden wir aber bitte nicht mit der Flüchtlingshilfe.

ZEIT ONLINE: Die grüne Vermögenssteuer ist also nicht vom Tisch? Nach der verlorenen Bundestagswahl hieß es doch bei den Grünen: Weg damit!

Hofreiter: Die Grünen werden ihr neues Steuerkonzept 2016 vorstellen. Bis dahin sind es noch ein paar Monate.