Tausende Flüchtlinge, die in überfüllten Zügen aus Ungarn nach Deutschland kommen, Tausende weitere, die jeden Tag über das Mittelmeer nach Italien und Griechenland flüchten, und von dort aus weiter in Richtung Norden: Das Dublin-System, das eine unkontrollierte Migration von Asylbewerbern eigentlich verhindern sollte, ist zusammengebrochen. Vor allem Deutschland fordert deshalb jetzt, in den Erstankunftsstaaten Asylzentren einzurichten, in denen die Ankommenden registriert und beschleunigt darüber entschieden werden soll, ob sie asylberechtigt sind. Können solche Zentren dazu beitragen, die Flüchtlingskrise verantwortlich zu bewältigen?

In der bisherigen, noch wenig konkreten Form erscheint der Vorschlag eher als Versuch, die in Deutschland angestiegenen Lasten wieder in die Randstaaten der EU zurück zu verlagern. So wie es das Dublin-System vorsieht. Die Ersteintrittsstaaten müssten eigentlich die ankommenden Menschen registrieren, unterbringen und versorgen, dann für jeden das Dublin-Verfahren und in fast allen Fällen auch das Asylverfahren durchführen. Schutzsuchende, die irregulär weiterwandern, muss der Ersteintrittsstaat zurücknehmen. Die Abgelehnten muss er nach Möglichkeit abschieben und die Anerkannten integrieren. All das in einigen wenigen südlichen und östlichen Randstaaten Europas. Kein Wunder, dass das nicht funktioniert. 

Das System ist derart unsolidarisch, dass die Randstaaten die Aufgabe nicht bewältigen können und mittlerweile aufgegeben haben, es auch nur zu versuchen. Statt in den Ausbau ihrer Asylsysteme investieren sie wie Ungarn in Abgrenzung, dennoch Angekommene winken sie zunehmend durch. Ohne Fairness ist mit nachhaltiger Kooperation eben nicht zu rechnen. 

Die fehlende Lastenteilung ist der eine Grund für das Versagen des Dublin-Systems. Der andere ist, dass es die Interessen der Flüchtlinge zu wenig berücksichtigt. Die Menschen wollen dorthin, wo sie sich die besten Lebenschancen ausrechnen und wo Verwandte oder Freunde leben. Stattdessen sollen sie dort bleiben, wo sie Europa betreten haben. Die Zwangszuteilung macht das Dublin-System aufwendig, bürokratisch und anfällig für den Boykott durch irreguläre Weiterwanderung. Solange man diese beiden Ursachen des Systemversagens – fehlende Lastenteilung und Zwangszuteilung – nicht anpackt, wird die europäische Asylkoordination nicht funktionieren. Daran werden auch Asylzentren am Rand Europas nichts ändern.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Erwartung, in den Asylzentren rasch klären zu können, wer asylberechtigt ist und wer nicht – und die Nicht-Berechtigten gleich zurückzuweisen. Die Klärung lässt sich nicht beliebig beschleunigen, auch dann nicht, wenn man das Konzept der "sicheren Herkunftsstaaten" erweitert und europäisiert. Es handelt sich nur um eine Vermutungsregel. Ob und was dem Schutzsuchenden bei einer Rückführung droht, muss in jedem Fall, in dem eine Verfolgungsgefahr geltend gemacht wird, individuell geprüft werden. Gründlich, denn Verfolgung ist zu existentiell, um hier etwas über den Daumen zu peilen. Wenn nun in Zentren am Rande Europas enorm gestiegene Asylverfahren im Eiltempo durchgepeitscht werden sollen, besteht die Gefahr, dass Menschenrechte auf der Strecke bleiben.

Könnte der Vorschlag denn zu einer tauglichen Alternative zum Dublin-System weiterentwickelt werden? Ja, wenn er mit einer fairen Lastenteilung und weniger Zwangszuordnung verbunden wird. Lastenteilung kann quantitativ, nach Quote, oder qualitativ organisiert werden, dann bringen die Länder verschiedene Leistungen ein:  Erstaufnahme, Expertise, humanitäre Hilfen, Geld oder dauerhafte Ansiedlung. Je unterschiedlicher die beteiligen Staaten, desto mehr spricht für qualitative Lösungen.

Eine unbürokratische Variante bestünde darin, anerkannten Schutzberechtigten Freizügigkeit in der EU einzuräumen, sodass sie sich mit ihren Familien ein Land aussuchen können, in dem sie sich niederlassen wollen. Eine gewisse Lastenteilung käme dadurch zustande, dass die Erstaufnahmeländer die Verfahren abzuwickeln und mit den Abgelehnten umzugehen hätten – hier kämen die Asylzentren ins Spiel –, während die attraktiveren Fluchtzielstaaten – allen voran Deutschland – die Anerkannten integrieren müssten. Dublin-Staaten, die weder in die eine noch in die andere Kategorie gehören, könnten finanziell beteiligt werden.