Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen am Limit. "Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht, dieses Signal muss unmissverständlich ausgesendet werden", sagte Dobrindt. "Wir werden lange brauchen, um die bereits bestehende schwierige Lage zu ordnen. Jetzt sind wirksame Maßnahmen nötig, um den Zustrom zu stoppen."

Dazu gehöre Hilfe für diejenigen Länder, in die die Flüchtlinge in ihrer Not als Erstes geflohen seien, sowie eine wirksame Kontrolle der deutschen Grenzen – "weil auch wegen des Totalversagens der EU der Schutz der EU-Außengrenzen nicht mehr funktioniert". Deutschland helfe bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise seit Monaten um ein Vielfaches mehr als alle anderen Länder in Europa, sagte Dobrindt.

Jens Spahn, Mitglied des CDU-Präsidiums und Staatssekretär im Finanzministerium, kritisierte die aktuelle Flüchtlingspolitik. Die Öffnung der Grenzen am vergangenen Wochenende sei zwar in einer speziellen Situation richtig gewesen, müsse aber eine Ausnahme bleiben, sagte er der Süddeutschen Zeitung: "Auch Flucht ist mittlerweile digitalisiert. Nachrichten und Bilder verbreiten sich per WhatsApp binnen Sekunden und setzen Zehntausende Menschen Richtung Deutschland in Bewegung."

Spahn prophezeite, dass die positive Stimmung bald umschlagen werde, und sprach von einer klassischen Schweigespirale in Deutschland: "Viele meinen angesichts der beinahe euphorischen Darstellung in den Medien und in der öffentlichen Debatte, dass sie mit ihren Sorgen und Fragen immer nur in der Minderheit sind. Sie finden sich nicht wieder in dem, was gesagt und gesendet wird, und werden deshalb immer verschlossener." Die Debatte werde aber in einigen Tagen ganz anders aussehen.

Auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hält die maximale Belastung für nahezu erreicht. Dem Tagesspiegel sagte der Vizekanzler: "Es stimmt: Die europäische Untätigkeit in der Flüchtlingskrise bringt inzwischen auch Deutschland an den Rand seiner Möglichkeiten." Um den Zuzug zu drosseln, müsse den Flüchtlingen in der Krisenregion jetzt "schnell und wirksam" geholfen werden.

Gabriel verlangt Soforthilfe für Jordanien und Libanon

Gabriel forderte ein milliardenschweres Sofortprogramm zur Unterstützung von Flüchtlingen etwa in Jordanien und im Libanon: "Deutschland und Europa sollten zusammen eine Soforthilfe von 1,5 Milliarden Euro für Nahrung, Unterkunft und vor allem für Schulen in den größten Flüchtlingscamps zur Verfügung  stellen."

Bayerns Sozialministerin Emilia Müller (CSU) verlangte, die übrigen Bundesländer müssten entsprechend der Verteilungsschlüssel Flüchtlinge aufnehmen, um München und Oberbayern zu entlasten: "Es kann auch nicht sein, dass sich die Flüchtlinge frei und ungeordnet bewegen können. Wir müssen in Europa zu einem geregelten System zurückkehren." Am Nachmittag trifft sich das Kabinett von Ministerpräsident Horst Seehofer zu einer Sondersitzung, um über Sofortmaßnahmen Bayerns zu beraten.

"Täglich eine Kleinstadt aufnehmen"

Seit dem 31. August sind in München 63.000 Flüchtlinge angekommen. "Das entspricht einer Stadt wie Rosenheim, die hier durchgelaufen ist", sagte der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand. Es brauche dringend zwei weitere Drehkreuze zur Verteilung der Flüchtlinge: "Es ist nicht durchführbar, dass wir hier täglich eine Kleinstadt aufnehmen. Das ist logistisch nicht mehr machbar."

Die SPD kritisierte die CSU für die Einladung von Ungarns Regierungschef Viktor Orbán zu ihrer nächsten Klausurtagung am 23. September. "Wer sich mit Orbán verbrüdert, trägt nicht zu einer europäischen Lösung der Flüchtlingsfrage bei", sagte SPD-Vize Ralf Stegner der Bild am Sonntag. Generalsekretärin Yasmin Fahimi warf Seehofer vor, er falle mit der Einladung an Orbán Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz offensichtlich in den Rücken. "Wir brauchen jetzt klare Haltung in der Koalition, um das Flüchtlingsproblem zu lösen", sagte Fahimi. Die CSU sei im Augenblick weniger Teil der Lösung als Teil des Problems.

Einen anderen Ton schlug SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer an: Da die Flüchtlingsfrage die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg sei, halte er parteipolitische Auseinandersetzungen für völlig fehl am Platz. Nötig sei ein breites gesellschaftliches und parteiübergreifendes Bündnis.

Den Behörden zufolge sind die Aufnahmemöglichkeiten in München ausgeschöpft: