Die Deutschen helfen – und die Welt nimmt es überrascht, staunend und beifällig zur Kenntnis. "Man hat die Deutschen als Egoisten hingestellt, jetzt entpuppen sie sich als generös, die Einzelnen wie die Gesellschaft", schreibt Le Monde. Dieses Urteil steht für viele andere, ähnlich positive Äußerungen.    

Nur wenige Böswillige unterstellen uns schnöde Motive: Dass es uns in erster Linie darum gehe, dem Schrumpfen unserer Bevölkerung entgegenzuwirken; dass wir vor allen Dingen billige Arbeitssklaven zu rekrutieren suchten, wie die Front-National-Vorsitzende Marine Le Pen behauptet; oder gar, dass wir mit unserer Hilfsbereitschaft nur die weniger hilfsfähigen oder hilfswilligen Europäer in ein schlechtes Licht rücken wollten. 

Nein, unsere Solidarität ist echt. Sie ist überwältigend – allerdings im doppelten Wortsinn:  Sie ist menschlich bezwingend, doch zugleich geht sie über unsere Kräfte. An dieser Einsicht kommen wir nicht vorbei. Denn der Strom der Flüchtlinge wird nicht abreißen. Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission, hat letzte Woche in Rede vor dem Europaparlament die Wahrheit unverblümt ausgesprochen: "Solange Krieg herrscht in Syrien und Terror in Libyen, wird die Flüchtlingskrise nicht enden." Daraus folgt mehrerlei.   

Erstens: Die deutsche Hilfsbereitschaft muss besser organisiert werden. Die vorübergehende Wiedereinführung von Grenzkontrollen soll dies ermöglichen. Das mag nötig gewesen sein, aber es wird allein nicht viel bringen; die Probleme werden ja bloß an die Grenze verlegt. Der Bund und die Bundesländer können München nicht einfach allein lassen; neben Bayern und Nordrhein-Westfalen, die bisher den Löwenanteil der Flüchtlinge aufnehmen, müssen sich auch die anderen Länder in die Pflicht nehmen lassen.

Der Bundestag sollte überdies rasch Gesetze beschließen, die eine beschleunigte Einbeziehung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Denn die allermeisten von ihnen wollen arbeiten und nicht dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen. Entbürokratisierung auf der ganzen Linie sollte die Devise sein. Der Bundesinnenminister täte gut daran, dem Willkommensgruß der Kanzlerin schleunigst administrative Streben einzuziehen.  

Zweitens: Es ist unverständlich, dass es einen Bund-Länder-Gipfel zur Flüchtlingsproblematik erst am 24. September geben soll. Da muss vorher Konsens zwischen Bund und den Ländern hergestellt, müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Lage in den Kommunen erlaubt keinen Aufschub.

Die übrigen Mitglieder der Europäischen Union dürfen die Deutschen, Schweden und Österreicher in dieser Krise nicht im Stich lassen. Dies gilt in besonderem Maße für die Osteuropäer, die in den zurückliegenden zwanzig Jahren von Brüssel großzügig gepäppelt worden sind und die in der Ukraine-Krise keinen Tag vergehen lassen, ohne auf die Solidarität der europäischen Nato-Verbündeten zu pochen. (Falls das Minsker Abkommen doch noch scheitert, würden vor allem die Polen nach Hilfe rufen, um mit dem Ansturm von ukrainischen Flüchtlingen fertig zu werden.) Es gilt jedoch nicht minder für die Briten und die Dänen. Sie haben sich vertraglich aus der europäischen Einwanderungspolitik herausgemogelt. In normalen Zeiten mochte das hingehen, in der jetzigen Krise ist es eine Schande. Die Bundesregierung, die fürs erste schon sechs Milliarden Euro für die Aufnahme, Versorgung und Integration bereitgestellt hat, sollte da ruhig einmal mit Zahlungsverweigerung drohen, wenn anderes nicht hilft.