Es klafft eine Lücke zwischen dem Stand der politischen Debatte und der Lebenswirklichkeit. Man sieht sie, wenn Freiwillige in einer Hamburger Messehalle Kleidung an 1.200 Flüchtlinge verteilen. Wenn Berliner Bürger Flüchtlinge mit Wasser versorgen, die seit Stunden vor der staatlichen Meldestelle warten. Oder wenn Hunderte Münchner mit Broten parat stehen, wenn am Hauptbahnhof ein Zug voller hungriger Menschen ankommt.

Die Ankunft Tausender Flüchtlinge setzt die staatlichen Strukturen unter Dauerstress. Selbst die engagiertesten Verwaltungsmitarbeiter geraten an ihre Grenzen. Und sie stoßen zunehmend auf bürokratische Hindernisse. Tag für Tag wird offensichtlicher, dass sich das Land verändern muss, wenn die Flüchtlinge gut versorgt und dauerhaft integriert werden sollen. Mehr noch: Wir müssen den Staat umbauen.

Wer beispielsweise eine Flüchtlingsunterkunft errichten will, muss nach den Landesbauverordnungen in vielen Bundesländern eigentlich Autostellplätze vorweisen und Barrierefreiheit gewährleisten. In Hamburg musste die zuständige Sozialbehörde die Prüfung Dutzender Standorte wieder aufgeben, weil es zu Interessenskonflikten mit dem Naturschutz, dem Lärmschutz oder dem Denkmalschutz kam. Die Stadt Köln überlegt, ob sie in einem Nachbarkreis ein Hotel für Flüchtlinge mieten könnte. Doch dann müsste sie sich nicht nur weiterhin um die dort wohnenden Menschen kümmern. Das Land würde Köln auch die gleiche Anzahl Flüchtlinge zusätzlich zuweisen – weil sich der Verteilungsschlüssel nach der örtlichen Bevölkerungszahl berechnet und die Hotelflüchtlinge ja nicht mehr in der Stadt wohnen.

Geld alleine reicht nicht

Solche Hindernisse finden sich überall. Bislang erhalten Flüchtlinge nur in Bremen und Hamburg eine Gesundheitskarte – wer zahlt also die medizinische Versorgung anderenorts? In welche Schule die Kinder gehen sollen, ob es dort Auffangklassen und Sprachförderung gibt, ist in jedem Bundesland anders geregelt. Wie prüft man die Qualifikation von Menschen, die alle Zeugnisse und Arbeitsnachweise auf der Reise verloren haben? In Saarbrücken dürfen Flüchtlinge jetzt auch ohne Zeugnis studieren – aber wie ist das an anderen Hochschulen? Welchen Aufenthaltsstatus bekommen Flüchtlinge, die einen Ausbildungsplatz finden? Muss ein Arbeitgeber einen angestellten Flüchtling für einen Sprachkurs freistellen und wird er dafür entschädigt, wie es in Schweden der Fall ist? Wie kommt ein Flüchtling an einen Kredit, wenn er in der Heimat selbstständig war und hierzulande wieder ein Geschäft eröffnen will – wer bürgt für ihn?

Diese Beispiele zeigen, dass es nicht alleine darum geht, eine Willkommenskultur zu schaffen oder einfach mehr Geld bereitzustellen – so wichtig beides ist. Vielmehr müssen sich Verwaltung und Gesetzgebung an die neue Realität anpassen. Das muss schnell und trotzdem systematisch geschehen. Schnell, weil sich sonst allzu leicht Parallelstrukturen bilden. Systematisch, damit gute Ideen nicht im bürokratischen Dickicht stecken bleiben oder sich gegenseitig behindern.

Mehrfach schon hat Deutschland diesen Moment erlebt. Staat und Verwaltung hatten sich ganz gut eingerichtet in ihren Regeln und Strukturen. Doch plötzlich passten diese Regeln nicht mehr zur neuen Wirklichkeit.

Zuerst spürten es die Bürger, und sie reagierten auch als Erste darauf. So war es beispielsweise, als immer mehr Arbeitnehmer und Unternehmer ab Mitte der neunziger Jahre erfahren mussten, wie die Globalisierung ihre Jobs und Geschäftsmodelle bedrohte. Seit der Wiedervereinigung war die Arbeitslosigkeit kontinuierlich angestiegen; 1999 hatten rund vier Millionen Menschen keine Arbeit.