Für Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) soll die Weiterreise Tausender Flüchtlinge von Ungarn nach Deutschland eine Ausnahme bleiben. "Die Hilfe in der gestrigen Notlage war verbunden mit der dringenden Mahnung dafür, daraus gerade keine Praxis für die nächsten Tage zu machen", sagte er bei einem Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ungarns Ministerpräsident Vikor Orban stimmten darin überein, dass die organisierte Weiterreise der Flüchtlinge nach Deutschland eine Ausnahme bleiben soll. "Beide waren sich darüber einig, dass sowohl Ungarn wie auch Deutschland ihren europäischen Verpflichtungen, einschließlich den Verpflichtungen aus dem Dubliner Abkommen, nachkommen", teilte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter nach einem Telefonat zwischen Merkel und Orban mit.   

Deutliche Kritik an der Entscheidung, die Einreise von Flüchtlingen aus Ungarn zuzulassen, kam vom bayrischen Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Dieser Schritt sei mit den Ländern nicht abgesprochen gewesen und darüber hinaus ein "völlig falsches Signal innerhalb Europas", sagte er.

Bei einem Spitzentreffen am Sonntagabend im Kanzleramt wird die Große Koalition nach tragfähigen Lösungen in der Asylpolitik suchen. Dabei soll unter anderem geklärt werden, wie viel Geld Länder und Kommunen für die Flüchtlingshilfe zusätzlich erhalten. Experten von Union und SPD beziffern den Spielraum auf bis zu fünf Milliarden Euro, ohne den ausgeglichenen Haushalt zu gefährden. Endgültige Entscheidungen dürften erst einem Bund-Länder-Gipfel am 24. September fallen.  

Tagelang hatten in Ungarn chaotische Zustände geherrscht, weil sich Tausende Flüchtlinge weigerten, sich registrieren zu lassen. Ungarn hatte am Freitagabend entschieden, die am Bahnhof von Budapest in Richtung Österreich losgelaufenen Flüchtlinge mit Bussen an die österreichische Grenze zu bringen. Österreich und Deutschland erklärten sich daraufhin bereit, die Flüchtlinge auch ohne Registrierung einreisen zu lassen. Die Polizei in Bayern rechnet nun mit bis zu 10.000 Neuankömmlingen allein am Samstag. 

Eigentlich legt das Dubliner Abkommen fest, dass Asylanträge grundsätzlich in dem Land gestellt werden müssen, in dem Flüchtlinge zuerst europäischen Boden betreten. Die Vereinbarung zur Weiterreise der Flüchtlinge nach Deutschland sei vor allem eine "Erinnerung daran, dass die Verpflichtungen auch für Ungarn aus dem Dubliner Abkommen nicht etwa aufgehoben sind", sagte Steinmeier.   

Die aus Ungarn kommenden Flüchtlinge sollen nun auf ganz Deutschland verteilt werden, sagte Christoph Hillenbrand, Regierungspräsident in Oberbayern. Zugrunde gelegt werde dabei der Königssteiner Schlüssel. Dieser berücksichtigt Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl der Länder und wird jährlich neu berechnet. 

"Wir stellen uns auf 5.000 bis 7.000 ein", sagte Hillenbrand zur erwarteten Zahl der Flüchtlinge. München sei vorerst das Zentrum zur Aufteilung. Dort sollen die Flüchtlinge erstbetreut und möglichst am Folgetag weitergeschickt werden. Die Deutsche Bahn prüfe derzeit, ob bereits ab Salzburg Züge auch in andere Bundesländer weitergeleitet werden könnten. Gera in Thüringen sei als weiterer Verteilerbahnhof im Gespräch. Bereits für Samstag erwartet das thüringische Saalfeld 300 bis 400 Flüchtlinge, auch Hessen will 500 aus Ungarn aufnehmen.

Auch auf EU-Ebene gibt es nach Angaben von Frank-Walter Steinmeier Bewegung. "Die Quote wird von einigen Ländern immer noch abgelehnt, aber es scheint doch eine Bereitschaft zu geben, sich stärker an einer Gesamtverantwortung – an einer europäischen Gesamtverantwortung – zu beteiligen", sagte er beim Außenministertreffen in Luxemburg. Die Diskussionen und Tragödien der vergangenen Tage seien nicht folgenlos geblieben.

Über Zahlen sprachen die Außenminister noch nicht. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker will aber am Mittwoch die Verteilung von 120.000 weiteren Flüchtlingen auf andere EU-Staaten vorschlagen. Steinmeier sprach sich zudem für einen EU-Sondergipfel zum Thema Flüchtlinge aus. Das Treffen der Staats- und Regierungschefs soll Anfang Oktober ausgerichtet werden. Nach dem Treffen der EU-Innenminister am 14. September könne entschieden werden, ob weitere Sonderräte zur Vorbereitung des Gipfels notwendig seien.