Vor 26 Jahren fiel die Mauer. Ich war damals einer von drei Bundesvorstandssprechern (alias Vorsitzenden) der Grünen. Vorbereitet waren wir darauf nicht, obwohl sich die Protestbewegung gegen die SED-Herrschaft über Monate hinweg aufgebaut hatte. 

Ich erinnere mich noch dunkel, dass ich mich am Morgen nach der Öffnung der Grenze von Bremen aus ins Auto warf und nach Berlin düste, um – ja was? Um dabei zu sein, wenn Geschichte gemacht wird, um einen persönlichen Eindruck zu bekommen, um Gespräche zu führen und bedeutsame Kommentare abzugeben? Vermutlich von allem etwas.  

Mit politischen Gesprächen war es dann nicht weit her – alle waren auf den Beinen, und es war noch vor der Zeit des Mobiltelefons, also war kaum jemand zu erreichen. Wer politische Verantwortung in der Stadt trug, hatte ohnehin Wichtigeres zu tun. Und die Presse hatte auch nicht unbedingt auf mich gewartet. Aber das Bild der Mauerspechte und das Klopfen der Hämmer, mit denen sie Stücke aus dem "antifaschistischen Schutzwall" schlugen, werde ich wohl nie vergessen. 

Ein knappes Jahr später folgte dann die Wiedervereinigung. In den Bundestagswahlkampf 1990 gingen die Grünen (West) mit dem Slogan "Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter…". Da hatte Christian Ströbele mich schon als Bundesvorsitzender abgelöst. Aber ich hatte den Wahlkampf noch mit vorbereitet, und ich erinnere mich noch an eine bewegte Rede zum Klimawandel als Herausforderung des Jahrhunderts, die ich auf einem Parteitag im Juni 1990 gehalten habe. Wir waren also einerseits unserer Zeit voraus – und gleichzeitig lagen wir komplett daneben.  

Helmut Kohl, den wir verachteten, war auf der Höhe der Zeit. Im Rückblick muss man sagen: Er erfasste den historischen Moment und handelte – nicht im Alleingang, sondern im Konzert mit Europa, den USA und der Sowjetunion. Wir dagegen waren vom Fall der Mauer und der Dynamik der folgenden Ereignisse überfordert. Die friedliche Revolution vor unserer Haustür faszinierte uns, aber weder kamen wir mit der Wendung Richtung deutsche Einheit zurecht, noch erfassten wir die europäische Dimension dieses Aufbruchs.  

Als Präsident Reagan zwei Jahre vor dem Kollaps der DDR an der Berliner Mauer ausrief: "Mr. Gorbachev, tear down this wall!" hielten ihn viele für einen unverbesserlichen Kalten Krieger. Weite Teile der Politik und Publizistik hatten sich mit der Zwei-Staaten-Realität und mit der Spaltung Europas arrangiert. Wer sie infrage stellte, wurde als Phantast abgetan oder in die revanchistische Ecke abgeschoben.   

Solange in Leipzig noch gerufen wurde "Wir sind das Volk!", fanden wir das gut. Die Zahl der SED-Fans bei den Grünen war doch sehr überschaubar. Als es dann aber hieß "Wir sind ein Volk!", war das vielen nicht mehr geheuer.   

Ausgerechnet die Grünen, die sich so gern als Partei der Veränderung sehen, wurden in dieser Umbruchsituation zu Verteidigern des Status quo: Zwei deutsche Staaten sind besser als einer. Allenfalls Konföderation, aber keinesfalls Wiedervereinigung. Zumindest galt das für die große Mehrheit derjenigen, die auf Bundesebene aktiv waren.  

Es gab auch andere Stimmen, zum Teil aus dem bürgerrechtlichen Spektrum der Grünen, zum Teil von Leuten, die schon in ihrer K-Gruppen-Zeit die Parole eines "vereinigten sozialistischen Deutschlands" vertreten hatten (nebenbei stand auch Rudi Dutschke, der noch an der Gründung der Grünen beteiligt war, dieser Idee nicht so fern).  

Angeblich habe ich diese Leute damals als "Kyffhäuser-Fraktion" in den Grünen bezeichnet. Es gibt Zeitgenossen, die haben ein besseres Gedächtnis als ich. Ich traue mir das aber zu. Die Sottise spiegelt unser damaliges Nicht-Verhältnis zur "nationalen Frage" wider. Nation war etwas Überholtes, wenn nicht Reaktionäres, ein Relikt aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts, dessen Exzesse eine tiefrote Blutspur in Europa hinterlassen hatten. Wir waren Europäer, weil wir Anti-Nationalisten waren.