ZEIT ONLINE: Frau Leutheusser-Schnarrenberger, in den letzten Wochen hat Münchens Oberbürgermeister immer wieder signalisiert: Wir schaffen das mit den Flüchtlingen. Wir sind eine reiche, hilfsbereite Stadt. Nun kam am Samstag der Hilferuf. Hat München sich überschätzt?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Ich denke nicht, dass München sich überschätzt hat. Aber die Stadt ist jetzt in eine wirkliche Notsituation gekommen. Auf Dauer ist München überfordert, weil es bisher das einzige Drehkreuz in Deutschland ist. Hier kommen von der Balkanroute alle Menschen an. Ich finde unter diesen Umständen macht München das hervorragend.

ZEIT ONLINE: Dieses Wochenende werden etwa 40.000 Flüchtlinge in München erwartet. Zum ersten Mal mussten Menschen am Bahnhof schlafen. Das Stadtbild verändert sich. Fürchten Sie, dass die bisherige Hilfsbereitschaft irgendwann in Wut oder Resignation umschlägt?

Leutheusser-Schnarrenberger: Ich habe den Eindruck, dass die Münchner weiter sehr hilfsbereit sind. Der Aufruf, Schlafsäcke und Isomatten mitzubringen, um wenigstens notdürftig eine warme Grundlage zu schaffen, wenn man schon am Bahnhof schlafen muss, war ein beeindruckender Erfolg. Es kamen viel mehr zusammen, als benötigt werden. Aber all das kann natürlich kein Dauerzustand werden. Es muss jetzt von der bayerischen Staatsregierung und der Bundesregierung endlich etwas getan werden, um geordnete Möglichkeiten der Unterbringung auch außerhalb von München zu ermöglichen.

ZEIT ONLINE: Die bayerische Regierung ist bisher vor allem dadurch aufgefallen, dass sie die vermeintlichen Ängste und Sorgen der Bevölkerung thematisiert. Zur nächsten Klausurtagung hat die CSU den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán eingeladen, den absoluten Hardliner, was Europas Flüchtlingspolitik angeht.

Leutheusser-Schnarrenberger: Die CSU hat überhaupt nicht Tritt gefasst bei diesem Thema. Auf der einen Seite macht sie in Koalitionsgesprächen in Berlin alles mit. Und gleichzeitig will sie diesen alten Politikstil fortsetzen: die Opposition in der eigenen Regierung zu sein. Das ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Auch die Kritik vom früheren Bundesminister Friedrich an der Bundesregierung war komplett daneben und unerträglich. Was wir jetzt gar nicht brauchen: Dass in solchen angespannten Situationen Ängste geschürt werden. Die Politik muss Antworten geben und nicht die hilfsbereiten Menschen verunsichern. Ich halte das für unverantwortlich, wie sich die CSU in den letzten Tagen verhalten hat.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie stattdessen?

Leutheusser-Schnarrenberger: Die CSU-Spitze muss als Teil der Bundesregierung dazu beitragen, dass andere Städte – wie zum Beispiel Leipzig – zum Drehkreuz werden, damit sich nicht alle Transportwege der Flüchtlinge auf München konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Sind die anderen Länder und Kommunen unsolidarisch? Oder ist es einfach nicht richtig organisiert?

Leutheusser-Schnarrenberger: Im Moment ist wohl die Haltung vorherrschend: Wenn wir irgendwie drumherum kommen können, Flüchtlinge aufzunehmen, dann ist das ganz in Ordnung. Die Länder und Städte, die so denken, haben noch nicht verstanden, dass die Flüchtlingskrise nicht übermorgen beendet sein wird. Sondern dass sich grundlegend etwas verändert. Es werden weitere Millionen Syrer ihre Region verlassen. Aber es braucht natürlich auch ein gemeinsames Handeln der EU. Auf dem Gipfel der Innen- und Justizminister am Montag müssen Entscheidungen her. Wenigstens sollte man sich auf den ersten Schritt von Juncker verständigen: Dass die Länder, die nicht helfen wollen, wenigstens zahlen, damit man genügend Notunterkünfte schaffen kann.