"Entschuldigung", sagt auf dem Podium Alexander Gauland, der mal ein vornehmer konservativer Publizist war, weshalb er sich nun entschuldigt, und der nun ein nach rechts außen offener Politiker ist, weshalb diese Entschuldigung nur eine stilistische ist und nicht sehr glaubwürdig. Er meint ja alles, was er sagt. "Entschuldigung, wenn ich das so drastisch sage", erklärt Gauland also, "aber Frau Merkel hat sich als Schleuserin betätigt". Er und der restliche Bundesvorstand der AfD haben die Kanzlerin deshalb angezeigt, wie sie an diesem Vormittag in Berlin erläuterten. Weil Merkel Anfang September Flüchtlinge aus Ungarn und Österreich nach Deutschland hat kommen lassen, ohne sie vorher zu prüfen. Man wolle doch mal sehen, sagt Gauland, "ob in Deutschland noch Recht gilt".

Die Anzeige ist nur die neueste Volte in der Herbstoffensive der Alternative für Deutschland. Diese hat sich nach dem Abgang ihres Gründers Bernd Lucke und dessen Anhängern gehäutet, radikalisiert, neu aufgestellt. Und kann sich, ungehemmt vom liberal-bürgerlichen Ballast, als Stimme aller Deutschen inszenieren, denen es nun wirklich zu viel wird mit den vielen Ausländern.

Zu einem Prozess gegen Merkel wird es allein schon deshalb nicht kommen, weil dazu ihre Immunität als Abgeordnete aufgehoben werden müsste, im dafür zuständigen Immunitätsausschuss des Bundestages dürfte aber niemand die Meinung der AfD teilen. Das Signal der Anzeige aber ist wichtig für die AfD. Sie zeigt so, dass sie zur radikalen Opposition gegen die Linie der Regierung bereit ist, dass sie wirklich "auf die Barrikaden" geht, wie die Parteivorsitzende Frauke Petry das an diesem Freitag in Berlin sagt, anders als CSU-Chef Horst Seehofer, der Merkel zwar auch kritisiert, aber doch eng an sie und die Schwesterpartei CDU gebunden ist. "Der geht nur für einen auf die Barrikaden, für sich selbst", spottet Petry.

An Petrys Auftritten in den vergangenen Monaten lassen sich die Profilierungsbemühungen und die Wandlungen der AfD sehr gut ablesen. Sie hat schon im Januar in Dresden, mitten in der Hochphase von Pegida, ein Einwanderungspapier vorgestellt, das noch recht schwammig mehr Steuerung forderte. Damals wollte sie das Thema aus der "Tabuisierung" holen und zugleich dazu beitragen, dass "in diese Debatte, die ja ganz häufig emotional aufgeheizt ist, mehr Sachlichkeit hineinkommt".

Erst vor wenigen Wochen stellte Petry dann, jetzt schon als Bundesvorsitzende, neue Forderungen auf: keine Asylanträge mehr in Deutschland, Wiedereinführung der Grenzkontrollen, Schnellverfahren, mehr sichere Herkunftsstaaten und ganz grundsätzlich eine Einschränkung des Asylrechts. Das präzisierten sie und Gauland heute in Berlin. Sie wollen das Grundgesetz ändern und festschreiben, dass Asyl nicht für unbegrenzt viele Menschen gewährt werden darf. Sie wollen, dass Deutschland jederzeit sagen kann: Du bist zwar Flüchtling, aber wir sind jetzt voll. Den Familiennachzug will Petry, die einst selbst ihrem geflüchteten Vater aus der DDR in die BRD folgte, auch begrenzen. Schließlich habe man es nun mit "unserer Kultur fremden Nationen" zu tun.

Flüchtlingskrise - AfD will Angela Merkel verklagen Alexander Gauland (AfD) hat angekündigt, Strafanzeige gegen Angela Merkel zu erstatten. Als Grund nannte er die Einreisegenehmigung der Bundesregierung für Tausende Flüchtlinge aus Ungarn.

Von Anfang an wählte Petry bei ihren Auftritten einen ganz speziellen Ton: einen, der die Gefühle derer anspricht, denen die nach Deutschland Flüchtenden mindestens unangenehm sind. Dabei betont sie aber ständig die eigene Seriosität, damit sich auch niemand der Anhänger unwohl fühlen muss. Zu dieser Rhetorik gehört dann auch die Selbstinszenierung als vermeintlich letzte Verteidiger des Rechtsstaats, siehe Merkel-Klage. Und Gaulands eingeschobene "Entschuldigung, aber"-Floskel.

Björn Höcke bittet schon lange nicht mehr um Entschuldigung für irgendwas. Was Gauland und Petry mit Klagen und Pressekonferenzen versuchen, versucht er auf der Straße.