Die AfD, so scheint es, bekommt gerade ein neues Gesicht. Ihr Fraktionschef im Thüringer Landtag, Björn Höcke, entwickelt sich immer mehr zum Wortführer seiner nach rechts steuernden Partei. Seit Wochen veranstaltet er in Erfurt Großdemonstrationen gegen die "Asylkrise" und hält dort aufheizende Reden, die ebenso gut auf die Pegida-Aufmärsche nach Dresden passen würden. Am Sonntagabend saß er dann in der ARD bei Günther Jauch und vertrat mit einem Deutschlandfähnchen unterm Arm seine Ansichten. Der Moderator wirkte ebenso wie die anwesenden Politiker überfordert.

Gegen die NPD oder Neonazi-Gewalttäter hat man in diesem Land eine eingeübte Rhetorik: Sie werden als geistige oder echte Brandstifter gebrandmarkt, moralisch ausgegrenzt. Man weist ihnen ihre Nähe zum Nationalsozialismus nach oder geht polizeilich und juristisch gegen sie vor. Doch gegen Björn Höcke hilft all das nicht. Denn Höcke ist kein Neonazi – und das ist für Politik und Medien offenbar ein Problem.

Schon habituell lässt Höcke, Gymnasiallehrer, vier Kinder, Anzug und Krawatte, den Nazi-Vorwurf an sich abgleiten. Er drückt sich viel zu distinguiert aus, jedenfalls wenn er in einem Fernsehstudio sitzt. Geht man ihn allzu hart an, ist bei vielen unbefangenen Zuschauern eher eine Solidarisierung zu erwarten.

Aber auch inhaltlich wäre es falsch, die Nazi-Keule zu schwingen. Günther Jauch hat es am Sonntag versucht, als er einen Ausschnitt aus einer Höcke-Rede von einer Demonstration in Erfurt einspielte. "Thüringer! Deutsche! 3.000 Jahre Europa. 1.000 Jahre Deutschland", hatte er da ins Mikrofon gebrüllt.

Ob das nicht arg nah am "Tausendjährigen Reich" sei, fragte Jauch und insinuierte unüberhörbar eine Hitler-Nähe. Höcke wich routiniert aus. Und niemand setzte nach.

Rhetorik gleicht NSDAP-Vorläufern

Jauch war mit seiner Frage, vermutlich ohne es zu wissen, sehr nahe am Kern von Höckes Weltbild. Denn eigentlich stammen die Begriffe Drittes Reich oder Tausendjähriges Reich gar nicht von den Nazis. Sie wurden in der Weimarer Republik erst von völkisch-konservativen Nationalisten populär gemacht. Zu ihnen gehörten beispielsweise Publizisten und Staatsrechtler wie Arthur Moeller van den Bruck oder Carl Schmitt. Das Vokabular dieser elitären Demokratiefeinde griff die NSDAP dann lediglich auf und baute es in ihre Propaganda ein.

Zugegeben, es mag etwas mühsam sein. Aber wer das Denken, Reden und Handeln von Björn Höcke verstehen will, muss etwas tiefer in die deutsche Geschichte und jene der völkischen Bewegung eintauchen. Denn Höcke und viele Protagonisten von AfD oder Pegida beziehen sich nicht auf den Nationalsozialismus, sondern auf dessen Vorläufer – auf die sogenannten Jungkonservativen und die Konservative Revolution. Für sie war das Volk ein Organismus, an dem jede und jeder seinen biologisch vorbestimmten Platz hat (die Frau jenen der Kinderaufzucht).

Wenn Leute wie Höcke von Deutschland sprechen, dann meinen sie nicht die Bundesrepublik, sondern eine metaphysische Schicksalsgemeinschaft, deren Kultur unveränderlich ist. Individuelle Freiheiten, die Vielfalt von Lebensstilen, gar "kulturfremde" Zuwanderung sind für sie per se eine Bedrohung und ein Ausdruck von Verfall. Den Jungkonservativen schwebte eine Ständehierarchie mit festem Oben und Unten vor, freie Wahlen und Parlamentarismus verachteten sie.