Zu den Stärken von Bundesinnenminister Thomas de Maizière gehört gemeinhin, dass er beruhigend nüchtern über bedrohliche Szenarien referieren kann. Zusammen mit Angela Merkels betont unhysterischer Art ergab das einen Regierungssound, der – auch im Angesicht der Flüchtlingssituation und allen an ihr hängenden Unwägbarkeiten – so etwas wie Zuversicht ausstrahlte.

Im gestrigen heute journal hat de Maizière allerdings seine gewohnte Tonlage verlassen. In einer kaskadenhaften Aufzählung von Beispielen beschwerte er sich über vermeintlich undankbare Flüchtlinge, die sich nicht anständig benehmen würden. Nun gehört Schönreden sicher nicht zu den Aufgaben eines Politikers in diesem Amt, und echte Probleme gehören angesprochen, gerade von einem Bundesinnenminister.

In de Maizières Äußerungen mischten sich allerdings gefühlte Wahrheiten mit unreflektierten Problembeschreibungen. Er hat den Wissensvorsprung, den er als Innenminister haben könnte (und sollte) aufgegeben.

Gehen wir seine Punkte ruhig durch:

1. "Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein."

Mir ist schleierhaft, wie de Maizière auf diese Aussage kommt. Vermutlich steht der Minister unter dem Eindruck der "Danke, Deutschland!"-Plakate, die an dem legendären September-Wochenende hochgehalten wurden. Dass Flüchtlinge nach der unmittelbaren Erleichterung, hier angekommen zu sein, irgendwann anfangen, sich vorrangig mit dem Organisieren ihres neuen und ungewohnten Lebens zu befassen, anstatt Plakate zu malen, erscheint mir logisch. Aber in jeder beliebigen Flüchtlingsunterkunft an jedem Ort in diesem Land wird man dankbare Flüchtende finden. Und zwar ohne lange suchen zu müssen. (Die Frage, ob man Dankbarkeit einfordern kann, ist übrigens noch eine ganz andere Diskussion.)

2. "Jetzt gibt es schon viele Flüchtlinge, die glauben, sie können sich selbst irgendwohin zuweisen." 

Das ist nicht neu. Im Gegenteil: Immer wieder verlassen registrierte Flüchtlinge die ihnen zugewiesenen Unterkünfte. Das war auch in der Vergangenheit so. Es fällt jetzt nur mehr auf. De Maizière hält das offenbar für eine Art Frechheit. Ich verstehe, dass das für die Bürokratie ein Problem ist. Ich verstehe nicht, wieso de Maizière die Gründe dafür nicht nennt oder zumindest anspricht. Viele Flüchtlinge kennen und verstehen die deutsche Bürokratie nicht. Stattdessen befinden sie sich in einem Zustand permanenter Angespanntheit – jede Entscheidung hat das Potenzial ihre Zukunft zu beeinflussen, und sie wissen nicht, ob zum Guten oder zum Schlechten. Soll ich hier aussteigen oder am nächsten Bahnhof? Soll ich diesen Schleuser bezahlen oder den nächsten? Ich kenne Fälle, in denen Flüchtlinge ohne sich abzumelden weitergezogen sind, weil sie zum Beispiel einen Verwandten in Skandinavien haben – und das Gefühl hatten, es sei sinnvoller, sich bis dorthin durchzuschlagen. Ich kenne einen Fall, in dem ein Jugendlicher angeblich die Unterkunft verlassen wollte, um wieder nach Syrien zurückzukehren. Das Problem war so simpel wie einfach zu lösen: Er hatte seine Mutter in Syrien seit zwei Wochen nicht gesprochen; und er hatte kein Geld für eine internetfähige SIM-Karte. Er war schlicht ratlos. Aber herumzusitzen und nichts zu tun, das hielt er kaum aus.

Reichtum schützt nicht vor Fassbomben

3. "Sie bestellen sich ein Taxi, haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte von Kilometern durch Deutschland zu fahren." 

Ich weiß, dass das gegen die Intuition ist, aber de Maizière sollte es besser wissen: Nicht alle Flüchtlinge sind arm. Viele haben alles verkauft, was sie besessen haben – ein Haus, vielleicht eine Firma. Das Geld reicht für die Flucht und die Schleuser und vielleicht auch noch eine Weile, nachdem sie hier angekommen sind. Irgendwann wird es aufgebraucht sein, dann werden auch diese Flüchtlinge auf staatliche Leistungen oder auf Arbeit angewiesen sein. Aber wenn sich heute eine Flüchtlingsfamilie ein Taxi nimmt, erkenne ich den Skandal darin nicht. Reichtum schützt nicht vor Fassbomben.

4. "Sie streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gefällt, sie machen Ärger, weil ihnen das Essen nicht gefällt …"

Mal abgesehen davon, dass einige Unterkünfte tatsächlich hart an der Grenze des Menschenwürdigen kratzen: Natürlich schließe ich nicht aus, dass unter den Flüchtlingen auch verwöhnte, arrogante, undankbare und überhaupt unsympathische Menschen sind, die zudem vielleicht auch noch falsche Vorstellungen davon hatten, was sie hier erwarten würde. Aber der deutlich häufigere Fall scheint mir ein anderer zu sein. Nehmen wir das Beispiel mit dem Essen. Die meisten Flüchtlinge sprechen kein Deutsch. Ihre Informationsquellen sind nicht besonders gut. Sie schnappen von anderen – nicht zwangsläufig besser informierten – Flüchtlingen etwas auf, halten es für die Wahrheit, reagieren entsprechend. Gerüchte verbreiten sich so schnell. Und solche Gerüchte können auch das Essen betreffen – etwa, dass es nicht halal sei. Ich weiß, dass das in einigen Fällen der wahre Grund für Beschwerden über das Essen war. Dann ist es aber ungerecht zu sagen, dass ihnen das Essen "nicht gefallen" habe. Dann ist das ein Beispiel dafür, dass es derzeit an allen Ecken und Enden an Menschen fehlt, die solche Gerüchte glaubhaft aus dem Weg räumen können.

5. "Sie prügeln in Asylbewerbereinrichtungen."

Es ist kein Geheimnis, dass es in Flüchtlingsunterkünften immer wieder zu Schlägereien kommt. Manchmal, und das ist ein Problem, spielt religiös motiviertes Mobbing dabei eine Rolle; ich habe selbst für die ZEIT darüber berichtet.

In de Maizières Aufzählung aber klingt es, als sei das Prügeln eine Spielart der Undankbarkeit und ein Ausweis generell schlechten Benehmens. Das ist unlauter. Wer mal einen Tag in einer vollgestopften Unterkunft mit Hunderten Menschen verbracht hat, die alle nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht, die teilweise traumatisiert sind und nahezu ausnahmslos unter großem Stress stehen, dem ist klar, dass es kaum ausbleiben kann, dass man aneinandergerät. Auch Flüchtlingsunterkünfte können Orte sein, an denen sich Kulturschocks abspielen. Da leben junge Männer aus dem Balkan, die abends ein paar Bier zu viel getrunken haben, neben einer vielköpfigen Familie aus Afghanistan, deren Kinder nicht schlafen können. Ich kenne solche Beispiele. Die Rangeleien in den Heimen sind kein Beleg für die besondere Aggressivität von Flüchtlingen, sondern ein Argument für möglichst rasche und vollständige dezentrale Unterbringung. In einer Unterkunft kann man sich nicht aus dem Weg gehen.

Gute Erfahrungen bringen mehr als erhobene Zeigefinger

Ich will de Maizière nichts unterstellen. Aber es fällt auf, dass sich die Stimmen der Politiker mehren, die in ein ähnliches Horn stoßen. Ein bisschen kommt es mir vor, als würden sie sich zwischen den Zeilen darüber beklagen, dass die Flüchtlinge sich nicht so einfach wegverwalten lassen, wie die – ja tatsächlich enorm herausgeforderte – Bürokratie das gerne hätte.

Aber Flüchtlinge sind Menschen, sind Individuen. Vor allem sind sie extrem verunsichert (auch wenn sie nicht immer so wirken; das gilt ausdrücklich auch für junge, alleinreisende Männer!) – und sie kennen sich hier nicht aus. Wenn Politiker wie zum Beispiel Julia Klöckner jetzt als erstes über Selbstverpflichtungen zur Integration und Bekenntnisse zum Grundgesetz sprechen, ist das abstrakt und wenig hilfreich. Gute Erfahrungen bringen mehr als erhobene Zeigefinger. Für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die nur korrupte Regime kennen, ist es jedes Mal eine Offenbarung, wie korrekt deutsche Polizisten mit ihnen umgehen. Informationen, auch über das Grundgesetz und hier geltende Werte, müssen hingegen erst einmal verfügbar sein – ein gutes Beispiel scheint mir dieser onlinebasierte Ratgeber in verschiedenen Sprachen zu sein, der soeben per Crowdsourcing von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern zur Verfügung gestellt wurde.

Also, Herr de Maizière, finden Sie doch bitte wieder zur Ihrer nüchternen Redeweise zurück. Gerade jetzt, wo die erste Euphorie verraucht scheint und die Mühen der Ebene beginnen.