Angesichts des starken Zuzugs von Flüchtlingen warnen Städte und Gemeinden davor, dass sie ihre Aufgaben bei der Unterstützung von Asylbewerbern bald nicht mehr erfüllen können. "Wenn der Zustrom weiter so anhält wie jetzt, werden die Kommunen in Deutschland mit Versorgung, Unterbringung und Integration der Flüchtlinge überfordert sein", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, der Passauer Neuen Presse.

Der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier (CDU), hatte zuvor der Welt am Sonntag gesagt, er erwarte in diesem Jahr 1,2 bis 1,5 Millionen Flüchtlinge in Deutschland. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung gehen auch Behörden mittlerweile intern von bis zu 1,5 Millionen Flüchtlingen in diesem Jahr aus. Das Bundesinnenministerium hält die Schätzung für zweifelhaft. Man könne auf Basis der großen Zahl von Neuankömmlingen im September keine Hochrechnungen anstellen, sagte ein Sprecher des Ministeriums. "Wir gehen noch davon aus, dass die Wintermonate dazu führen werden, dass sich der Migrationsdruck verringern wird."

Mit Blick auf die aktuellen Gespräche zwischen der EU und der türkischen Regierung über eine Begrenzung des Andrangs, sagte er, es sei auch möglich, dass die Ergebnisse konkrete Auswirkungen auf die Zahl der Asylbewerber haben.

Die Bundesregierung war zuletzt noch von 800.000 Neuankömmlingen für 2015 ausgegangen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte wiederholt, es sei derzeit sehr schwer, genaue Zahlen zu ermitteln. Es gebe Unsicherheiten, weil sich ein "nicht unerheblicher Teil" der Flüchtlinge der Registrierung entziehe oder trotz Registrierung an einen anderen Ort weiterziehe.

In der innenpolitischen Debatte wirft Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) der CSU vor, diese wolle die deutsche Asylpolitik am Vorbild Ungarns ausrichten. "Die CSU betreibt die Orbanisierung der deutschen Asylpolitik", sagte die frühere Grünen-Vorsitzende der Zeitung Die Welt in Anspielung auf den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. In den Reihen der CSU war zuletzt über Grenzzäune für Deutschland sowie eine Änderung des Asylrechts spekuliert worden.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte, es gebe keine Alternative zur Aufnahme der Flüchtlinge. Eine Begrenzung der Zahlen der Asylbewerber "geht mit unserem Grundverständnis von europäischen Werten überhaupt nicht zusammen", sagte Hofreiter im ARD-Morgenmagazin. Sollten denn, wenn mehr Syrer nach Deutschland kämen als vorgesehen, diese in den Bürgerkrieg nach Syrien oder ins Mittelmeer zurückgeschickt werden, fragte Hofreiter rhetorisch.

Die aktuelle Debatte, ob Deutschland die Aufnahme der Flüchtlinge schaffen könne, nannte er nicht hilfreich. "Wir sind natürlich vor riesigen Herausforderungen, es ist alles überhaupt nicht einfach", sagte Hofreiter. Aber es gebe keine Alternative. Eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen erfordere nicht nur die Änderung des Grundgesetzes, sondern auch den Austritt Deutschlands aus der Genfer Flüchtlingskonvention. "Wenn man human bleiben will, ist es nahezu alternativlos, dass man versucht, es zu schaffen", sagte der Grünen-Fraktionsvorsitzende.

Auch Spitzenvertreter von katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland äußern Bedenken gegen die geplanten Verschärfungen der Asylgesetze. "Da sehen wir einiges kritisch", sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, der Süddeutschen Zeitung in einem gemeinsamen Interview mit dem Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm. Grundsätzlich unterstützten beide aber den Kurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Flüchtlingspolitik.

Flüchtlinge - "Ich warte bis der Krieg endet und gehe dann zurück"