Eine Regierungspartei spekuliert öffentlich darüber, die Koalition platzen zu lassen – und kaum einer gerät dadurch in Wallungen. So könnte man die Reaktionen der anderen Parteien auf die indirekten Drohungen von CSU-Chef Horst Seehofer zusammenfassen, die drei CSU-Minister aus dem Bundeskabinett zurückzuziehen. Was in anderen Fällen eine veritable Regierungskrise auslösen würde, entfacht nur ein laues Lüftchen.

Das dürfte zum einen damit zusammenhängen, dass eigentlich niemand Seehofers Gedankenspiele so richtig ernst nimmt. Zwar hat er der Kanzlerin ein Ultimatum gestellt, dass bis Sonntag der unkoordinierte und unkontrollierte Durchmarsch von Flüchtlingen aus Österreich nach Bayern beendet werden müsse. Aber so richtige Druckmittel hat er nicht – außer eben dem ultimativen. Doch selbst der häufig irrlichternde bayerische Ministerpräsident wird nicht gleich seinen letzten Trumpf ausspielen.

Zum anderen reagieren CDU und SPD deshalb relativ gelassen, weil sie von einem Rückzug der CSU zunächst sogar profitieren würden. Für Angela Merkel würde das Regieren ohne den ewigen Störenfried aus München sehr viel leichter. Ihre schwarz-rote Koalition hätte auch ohne die CSU-Abgeordneten weiter eine satte Mehrheit im Bundestag. Koalitionsabsprachen müsste sie nur noch mit Sigmar Gabriel treffen, nicht mehr mit dem viel schwierigeren bayerischen Ministerpräsident, der als Nebenregent von München aus ständig Forderungen stellt und andererseits Regierungsprojekte bremst.

Ohne Sperrfeuer aus Bayern könnten CDU und SPD weiter eine liberale Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik verfolgen, sich auf gesellschaftspolitische Modernisierungen verständigen und auch die Energiewende energisch vorantreiben, ohne Münchner Bremsmanöver. Ja, der gesamten Bundespolitik würde ein Rückzug der CSU in den bayerischen Schmollwinkel guttun. Sie würde liberaler und moderner. Keine bayerischen Sonderwünsche und keine konservativen Vergangenheitsprojekte mehr – wie das vom Bundesverfassungsgericht gekippte Betreuungsgeld oder die europafeindliche Pkw-Maut. Stattdessen könnte eine CDU/SPD-Koalition endlich ein Einwanderungsgesetz verabschieden, die Kinderbetreuung ausbauen und die Homo-Ehe gleichstellen. Also wirklich Politik für die moderne gesellschaftliche Mitte machen.

Und für alle, die damit nicht einverstanden sind, gäbe es dann eine klare konservative, demokratische Alternative, jenseits der Rechtspopulisten der AfD, auch in Fragen der Flüchtlingspolitik oder des Euro. Die CSU verlöre zwar ihren direkten Einfluss auf die Bundespolitik, könnte aber mit einer Haltung des mutigen, selbstbewussten Trotzes sich große Hoffnungen als Partei der Werte und der Familie bundesweit Anhänger zu gewinnen.

Gabriel dürfte sich freuen

Profitieren würde auch die SPD. Ihr Gewicht in der Koalition würde ohne CSU zunehmen. In den Umfragen würde die CDU alleine nur noch bei etwa 30 Prozent liegen und damit nur noch wenige Punkte vor den Sozialdemokraten. Gabriel könnte sich größere Hoffnungen machen, vielleicht tatsächlich Kanzler zu werden, weil Merkel – auf ihre eigene Partei reduziert – nicht mehr unbesiegbar erschiene und selbst mit den Grünen, ohne die bayerische Schwesterpartei, 2017 vermutlich keine Mehrheit zustande bekäme. Nach einem Wahlsieg könnte sich Gabriel dann bei Seehofer bedanken.