Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht nach dem Attentat auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker "erste Anzeichen für eine politisch motivierte Tat". Die Ermittlungen der Kölner Polizei und des Landeskriminalamtes liefen mit Hochdruck, erklärte er. Auch der NRW-Verfassungsschutz sei mit eingebunden. "Die Polizei setzt alles daran, die Hintergründe dieser Tat so schnell wie möglich aufzuklären." "Zum jetzigen Zeitpunkt deuten die Zeugenaussagen (...) darauf hin, dass in der Tat fremdenfeindliche Motive des Täters ausschlaggebend waren", sagte der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn.

 

Der Angreifer war nach ersten Erkenntnissen allein an der Tat beteiligt. Der festgenommene Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit habe für die Tat fremdenfeindliche Motive angegeben, sagte Norbert Wagner, Leiter der Direktion Kriminalität. Nach der Festnahme habe der Mann als Motiv die deutsche Flüchtlingspolitik genannt. Am Tatort und später im Streifenwagen auf dem Weg zur Polizeiwache habe er betont, mit der Flüchtlingspolitik von Reker (parteilos) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht einverstanden zu sein. Als Sozialdezernentin ist Reker auch für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig.

Den Ermittlern zufolge werde auch die psychische Gesundheit des Täters untersucht. Nach eigenen Angaben war der Tatverdächtige seit längeren Jahren arbeitslos, von Beruf Maler und Lackierer sowie Hartz IV-Empfänger. Bislang ist er polizeilich nicht ausgefallen. Inwieweit der Gesundheitszustand des Täters andere Deutungen zulassen, könne noch nicht gesagt werden.

Der Kölner CDU-Vorsitzende Bernd Petelkau, der Augenzeuge des Angriffs war, sagte der Rheinischen Post, vor dem Angriff habe der Mann gerufen: "Ich rette Messias. Das ist alles falsch, was hier läuft, ich befreie Euch von solchen Leuten." Nach der Attacke sei er dann ganz ruhig stehengeblieben und habe gesagt: "Ich musste es tun. Ich schütze Euch alle."

Nach Informationen von Spiegel Online soll der Attentäter eine rechtsextreme Vergangenheit haben und sich Anfang der 1990er Jahren in Kreisen der später verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP) bewegt haben. Auch habe er 1993 und 1994 an den Rudolf-Hess-Gedenkmärschen in Fulda und Luxemburg teilgenommen. Die FAP war berüchtigt für ihr aggressives Auftreten und ihre rassistisch motivierten Übergriffe. 1995 wurde die Partei vom Bundesverfassungsgericht verboten.

Laut einer Mitteilung der Stadtverwaltung appellierte die Kölner Wahlleiterin Gabriele Klug an die gut 810.000 wahlberechtigten Kölner, "trotz des schrecklichen Ereignisses von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen". Der Stadt zufolge tauchten in zwei Kölner Stadtteilen Plakate auf, auf denen von einer angeblichen Absage der Wahl die Rede war. Die Stadtverwaltung wies darauf hin, dass diese Angaben falsch sind. Wegen der Plakate schaltete die Stadt Köln demnach die Polizei ein.

Die 58-jährige Reker war am Samstagmorgen an einem CDU-Informationsstand auf einem Wochenmarkt im Kölner Stadtteil Braunsfeld von einem Angreifer mit einem Messer schwer verletzt worden. Sie wurde vom Rettungsdienst in ein Kölner Krankenhaus gebracht und nach Angaben der Stadtverwaltung dort notoperiert.

Angreifer wirkte verwirrt

"Nach ersten Erkenntnissen besteht keine Lebensgefahr", hieß es in der Mitteilung der Stadt. Bei dem Attentat wurden vier weitere Menschen verletzt. Die Polizei nahm den mutmaßlichen Täter umgehend fest. Es soll sich um einen 44-jährigen Mann handeln, der nach Medienberichten auf Augenzeugen einen verwirrten Eindruck gemacht haben soll. Angeblich gab er demnach an, die Tat wegen der Flüchtlingspolitik von Reker begangen zu haben. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen sich am Nachmittag zum Stand der Ermittlungen äußern.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zeigte sich "zutiefst schockiert über diese abscheuliche und feige Tat". Sein Mitgefühl gelte Reker und allen weiteren Verletzten. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) äußerte sich auf Twitter "schockiert über die Attacke" auf Reker. "Das ist ein Angriff auf uns alle. Hoffe und bange mit den Verletzten."

Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) zeigte sich ebenfalls entsetzt. "Meine Gedanken sind bei Frau Reker und den anderen Verletzten. Ich bete, dass sie diese schwere Stunden gut überstehen und schnell gesund werden", erklärte Roters in Köln.

WDR-Intendant Tom Buhrow reagierte "schwer geschockt" auf das Attentat. "Auch wir im WDR drücken Henriette Reker sowie den schwer verletzten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern von ganzem Herzen alle Daumen für eine schnelle und vollständige Genesung", erklärte Buhrow.