Am vergangenen Sonntag war Peter Altmaier zu Gast in der Talk-Sendung Günther Jauch. Das war durchaus etwas Besonderes. Denn seit der frühere Umweltminister 2013 zum Kanzleramtschef avancierte, hielt er sich mit öffentlichen Auftritten ziemlich zurück. Dass Altmaier nun im Fernsehen saß, war ein Signal: Im Kanzleramt hatte man realisiert, dass die Stimmung in der Flüchtlingskrise in Deutschland zu kippen droht.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Altmaier bereits, dass die Flüchtlingskrise auch für ihn persönlich zur Schicksalsfrage werden kann. Denn am Sonntag stand fest, was am Dienstagabend öffentlich wurde: Angela Merkel will das Thema, das vielen als größte politische Herausforderung ihrer Kanzlerschaft gilt, nun auch organisatorisch an sich ziehen. "Die politische Gesamtkoordinierung ressortübergreifender Aspekte der aktuellen Flüchtlingslage erfolgt durch den Chef des Bundeskanzleramtes", so steht es in einem Konzept zur Koordinierung der Flüchtlingslage, das am Mittwoch vom Kabinett beschlossen wurde.

Peter Altmaier wird es künftig obliegen, den Gesamtüberblick über die Flüchtlingskrise zu behalten und die auf verschiedene Ministerien verteilten Aufgaben zu bündeln und besser aufeinander abzustimmen. Dass dies zugleich eine Degradierung von Innenminister Thomas de Maizière sei, der in den vergangenen Wochen häufig überfordert gewirkt hatte, wurde von Regierungsseite am Mittwoch vehement bestritten.
In Regierungskreisen sehen das manche allerdings durchaus anders. "Das Innenministerium wird zurückgestuft", heißt es, "de Maizière und seine Leute haben jetzt nur noch eine beratende Ressortrolle". Die politischen Entscheidungen fielen im Kanzleramt.

Schon länger bemängeln Koalitionspolitiker, dass de Maizière zu spät in den Krisenmodus geschaltet habe. "Auch das Thema Integration fällt in die Zuständigkeit des Innenministeriums", sagt ein hochrangiger Regierungsbeamter. "Warum nutzt de Maizière nicht die Islamkonferenz, um sich um die Integration der muslimischen Flüchtlinge zu kümmern?" Die Islamkonferenz wurde 2006 vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Leben gerufen. Dort sind die wichtigsten muslimischen Verbände versammelt.

Ein Riesenfehler der Kanzlerin

Dass die Gesamtverantwortung für die Bewältigung der Flüchtlingskrise künftig auch institutionell im Kanzleramt liegt, stößt in Merkels eigenen Reihen keineswegs auf Begeisterung. "Die Kanzlerin hat einen Riesenfehler gemacht", heißt es aus Unionskreisen. "Sie hat das Ganze jetzt direkt an sich herangezogen." In der SPD sieht man das genauso – allerdings durchaus mit Befriedigung. "Jetzt gibt es keine Pufferzone mehr zwischen Merkel und der Krise", sagt zum Beispiel der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Burkhard Lischka. Die Kanzlerin stehe jetzt unmittelbar in der Verantwortung.

Aber da ist ja noch Peter Altmaier. Puffer zu sein zwischen Merkel und der Krise – das dürfte in den kommenden Monaten seine wichtigste Funktion sein. Denn bevor die Kanzlerin selbst zur Rechenschaft gezogen wird, wird künftig Peter Altmaier erklären müssen, warum nach wie vor so viele Flüchtlinge kommen, wie für ihre Unterbringung gesorgt werden soll und so weiter und so weiter.

Es ist nicht das erste Mal, dass Merkel in einer schwierigen Lage auf den Saarländer zurückgreift. Als die Kanzlerin 2011 jemanden für den Neustart der Energiewende brauchte, fiel die Wahl ebenfalls auf Altmaier. Zuvor hatte er drei Jahre lang als Parlamentarischer Geschäftsführer die Unionsfraktion für sie zusammengehalten.