Es ist ungefähr 20.30 Uhr an diesem merkwürdigen Geburtstag, Lutz Bachmann und seine erfolglose Bürgermeisterkandidatin Tatjana Festerling haben ihre Reden schon gehalten, als sich der Deutsche-Welle-Reporter Jaafar Abdul Karim mit einem Kamerateam von Spiegel Online in die Menge begibt. Karim, der auch für ZEIT ONLINE eine Kolumne schreibt, will Stimmungen einfangen, Leute befragen, Pegida besser verstehen.

Schätzungsweise 20.000 Menschen hat Pegida an diesem Montag auf die Straße gebracht, so viele wie lange nicht. Die Rentner und DDR-Sozialisierten sind wie immer da, aber auch für viele Jüngere war der Geburtstag ein Anlass, mal wieder vorbeizukommen beim Volksfest der Wut. Und noch eine Gruppe ist heute stärker als sonst vertreten: Rechtsextreme und Hooligans.

Abdul Karim wagt sich trotzdem in die Menge und kommt nur ein paar Meter weit. Als eine Frau, geblendet vom Kameralicht, ein Interview ablehnt, mischen sich Umstehende ein. Es wird laut, das Team dreht ab. Trotzdem kommt es zu einem Handgemenge. Abdul Karim wird wohl auf den Nacken geschlagen, er fällt nach vorn.

Kurz nachdem er einem der in der Nähe stehenden Polizisten den Vorfall geschildert hat, taucht ein großer Mann auf. "Sie haben die Polizei belogen", schreit er, als sei eben nicht geschehen, was geschehen ist. "Ich habe zehn Zeugen dafür, dass Ihnen nichts angetan wurde." Es kommt zu einem Wortgefecht. Irgendwann verschwindet der Mann, dafür taucht ein anderer auf. "Faschisten seid Ihr", ruft er so laut zu mir, dass die Umstehenden aufmerksam werden und näher kommen. "Faschisten und Zionisten!" Dann zeigt er auf die Menschenmenge, die gerade wieder im Chor "Volksverräter" ruft. "Wenn es hier bald brennt, dann seid Ihr Schuld. Haut ab! Verpisst Euch!" Und zu Abdul Karim: "Kanake!" Die Stimmung um uns herum ist feindselig. Wir sind gezwungen, vorerst in der Nähe der Polizei zu bleiben.

Im Lauf des Abends wird Ruptly, der Videokanal des der Pegida eher nicht feindlich gesonnenen Senders Russia Today, berichten, dass einer seiner Kameramänner von mehreren Pegida-Anhängern zusammengeschlagen wurde. Schon bei der Pegida-Demo vor zwei Wochen waren zwei Kameramänner verprügelt worden.

Schuldumkehr und Dialogunfähigkeit

Pegida-Anhänger, die diese Zeilen lesen, werden diese Schilderungen für erstunken und erlogen halten. Das ist schließlich das erste Merkmal dieser Bewegung: dass sie Dinge, die nicht zur Erzählung von der Invasion des Islams und zu friedfertigem Pegida-Protest passen, einfach für nicht existent erklärt oder durch Schuldumkehr zur Verantwortung der Gegenseite macht. So ist im Lauf eines Pegida-Jahres jede Gesprächsgrundlage mit dem Rest der Gesellschaft verloren gegangen.